09.12.2015

Listening to: Stephen King - On Writing. Oder: Noch mehr Gedanken zum Schreiben (vorsicht lang!)

Ich habe schonmal erwähnt, dass ich keine Schreibratgeber lese, weil die mir Blutdruck machen, oder?
Es zeigt sich, dass unzulässige Verallgemeinerungen immer falsch sind und ich manchmal eine Ausnahme von meinen eigenen Regeln mache.;-)
Nein, im Ernst, ich stolperte in meinem Hörbuch-Abo über das Halb-irgedwie-Biographie, halb-Schreibratgeber Buch von Stephen King, ein Mensch, den ich schon sehr oft Dinge über Schreiben und Geschichten habe sagen hören, die ich sehr nachvollziehen konnte und mit dem ich meine beinahe pathologische Abneigung für zu viel Notzien teile.
Was läge da also näher, als sich das englische Hörbuch mal von ihm selber vorlesen zu lassen?
Nicht viel, ausser, dass der Blutdruck Faktor natürlich auch wieder zugeschlagen hat, aber der Reihe nach.;-)


Erstmal hat mir der autobiographische Teil sehr gut gefallen, auch und vor allem, weil ich viele der grundlegenden Prinzipen nachvollziehen kann:
1. Schreiben ist einsam
Das mag man nicht so bedenken, wenn man grade erst anfängt, oder es mag einen nicht stören, wenn man eher der introvertierte Typ ist, aber mich hat dieser Aspekt nach meinen Jahren Schreibpause und Theaterspielen sehr hart getroffen. Ich bin nicht so der Archetyp Einsiedler Poet und so ein Theaterstück auf die Füße zu stellen, mit allem Stress und allen Disskussionen und allen ständigen "auf engem Raum mit immer denselben Leuten eingepfercht sein" hatte einfach eine ganz andere euphorisierende Wirkung, wenn man es denn dann vors Publikum trägt, als in seinem stillen Kämmerlein eine weiße Seite zu füllen. Ich versuche das heutzutage ein wenig auszugleichen, in dem ich einen Chat-Kanal für meine Beta-Leser habe, in den ich schonmal ein bißchen Kommunikation pusten kann, wenn mir allzueinsam wird, aber ich versuche das nicht überzustrapazieren.;-)
Der Punkt ist, wenn man niemanden hat, der jeden Gedanken, jede Entwicklung und jede "innere" Diskussion in einem laufenden Projekt immer mitverfolgt (Co-Autoren vielleicht, oder seeeehr interessierte Freunde, Partner, Eltern;-), dann ist es sehr schwer im Gespräch zu bleiben - je mehr man erklären muss, desto schwieriger wird das und desto seltener macht man (aka ich) sich die Mühe.
Über kurz oder lang muss man also vermutlich damit leben, dass Schreiben bedeutet vor seinem Monitor zu sitzen, während andere Kinder in der Sonne spielen. Das muss man nicht schrecklich finden (im Gegenteil, wenn man das schrecklich findet, sollte man vielleicht ein anderes Hobby suchen;-), aber man sollte sich mental darauf einstellen.

2. Man kann nicht schreiben wenn man nicht liest und wenn man nicht schreibt
Ich habe letztlich noch gesagt, dass wir Geschichten nicht nur in Büchern finden. Das stimmt! Was man aber vor allem in Büchern findet, sind Grammatik und Vokabular und Mr. King & ich sind uns immerhin in dem Punkt einig, dass man ohne Grammatik und Vokabular schwer schreiben kann. Es kann ein Stilmittel sein, wenn ein Ich-Erzähler furchtbare Grammatik hat - ich denke so an The Knife of Never Letting Go - aber um es zum Stilmittel zu machen, muss man erstmal wissen wie es richtig geht. Und der Thesaurus bringt einen nur bedingt weiter - man findet immer ein hochtrabendes Synonym, aber ist das dann noch das, was man wirklich sagen will?
Über das Learning by Doing sprachen wir ja schon - jeder Autor schreibt in seinem Leben vermutlich 5x mehr Worte, als nacher auf der Seite übrig bleiben. Das ist einfach die Realität des Lebens.;-)

3. Schreib was du kennst oder dir ausdenken kannst
 Lange Zeit hörte man ja immer nur "Schreib was du kennst" und das ist Schwachsinn, wenn man es wörtlich nimmt. Wenn man es wörtlich nimmt, könnte niemand über Science-Fiction, oder Steampunkt, oder Elfen, oder auch nur historische Figuren schreiben. Schreib was du kennst ist (und war, glaube ich, immer schon) auf die tiefen Prinzipien von Geschichten gemünzt. Wie es in dem Buch heißt: Wenn man Klemptner ist und fasziniert von Space Travel, warum nicht einen Hauptcharakter wählen, der in irgendeiner Zukunft zum Wartungsteam eines Raumschiffes gehört?
Die meisten Geschichten bestehen aus uralten Prinzipien - Liebe, Hass, Gefahr, Konflikt, Macht, Trauer und und und - wenn man weiß, oder erlebt, oder beobachtet hat, wie Menschen auf diese Dinge reagieren, dann kann man darüber schreiben was man kennt, auch wenn die Hauptfiguren in der Geschichte alle blaue Navi vom Planeten XY sind.

4. Aufschreiben ist 30%, Überarbeiten 70%
Ich fand es sehr erfrischend einen unleugbar erfolgreichen Autor mal sagen zu hören, dass man weder Symbol noch Leitmotiv braucht, wenn man eine gute Geschichte zu erzählen hat. Ich wußte das immer schon, aber als Hobbyist hat man weniger Gewicht, wenn man sowas rausposaunt.;-) Was ich interessant fand, war die Herangehensweise eine Geschichte zu erzählen, danach zu schauen, ob sich irgendwelche Symbole und Motive drin verstecken und falls nicht, ok, aber falls ja, die - wenn man denn will - noch ein wenig rauszuarbeiten. Ich bin nicht so ein großer Freund von Symbol und Leitmotiv und halte sie meistens für ziemlich überbewertet, daher würde ich jetzt nicht die Hälfte meiner Geschichte nochmal umschreiben, nur um darauf hinauszuwollen, dass der Pfannkuchen eigentlich immer schon die Metapher für Jesus war, aber das bleibt ja jedem selbst überlassen.
Was ich auf jeden Fall gut kenne - vermutlich eine Krankheit von Notizenarmen Autoren;-) - ist, dass mir erst im Nachhinein auffällt wie wunderbar sich manche Dinge, die einfach so im Schreibfluss laufen, in das Große Ganze einpassen, auf vielen verschiedenen Ebenen, auch auf Motiv und Symbolebene.

Das sind die "großen" Prinzipien, an denen ich nicht rütteln kann, weil sie einfach so sind. Schwierig wird es für mich dann immer bei den "praktischen Tipps", über die ich mich unweigerlich ärgere und mich auch hier wieder geärgert habe.
Ein Beispiel? Stephen King hasst Adjektive. Man soll sowenig davon benutzen und in der Inquit schonmal bitte gar nicht. Am besten bleibt man bei Er sagte, Sie sagte, Er sagte. Wenn das Gesagte und die Situation nicht klar machen wie jemand etwas sagt, dann ist das halt schlecht und kein Adjektiv kann das retten. Und überhaupt Beschreibungen. Sowenig wie möglich und Adjektive sowieso.
Ich liebe Adjektive. Ich benutze hunderte davon, teilweise denke ich sie mir selber aus, um genau das zu beschreiben, was ich beschreiben will und meine Inquits? Haben manchmal sogar 2 davon auf einmal, weil man tatsächlich etwas amüsiert und herablassend sagen kann. Und sagen als alleinstehendes Verb? Ich hasse sagen. Niemand, in meinem Weltbild, "sagt" jemals irgendwas einfach so. Wir erklären, wir flüstern, wir stellen fest, wir beurteilen, wir lachen, weinen, schreien, zischen, bemerken, aber sagen? Nope.
Ich bilde viele meiner Figuren oft nur von außen ab und wie sie Dinge sagen, gibt wichtige Hinweise darauf was in ihren Köpfen vorgeht. Natürlich könnte ich das weglassen, damit Mr. King und Lesern wie ihm das besser gefällt, aber ich bin ziemlich sicher, dass dann hundert andere Leser die Geschichte irgendwann zur Seite legen, weil sie nicht mehr wissen was sie mit den Figuren anfangen sollen. Wörtliche Rede ohne Bühnenanweisungen ist hart, jeder der schonmal Shakespeare inziniert hat, weiß das. Und wieviele Menschen lesen zur Entspannung Shakespeare? Ok gut, ich, aber trotzdem!;-)
Und Beschreibungen? Sind mein Pride & Joy, ich bilde mir ein, dass ich ziemlich gut in sowas bin und ich liebe Bücher, die ein detailiertes Bild in meinem Kopf malen. Erinnert sich irgendwer an die Kirchentür in Der Name der Rose? Ich bin überzeugt, ich bin nicht die Einzige, die dieses Buch nicht trotz der Beschreibungen mochte, sondern wegen.

So und nun? Stepehen King sagt *haha* nicht "In meinen Geschichten mache ich das so" oder "Für mich funktioniert das so am besten" - ok doch, das sagt er manchmal, aber eben nicht gefolgt von "bei euch kann das anders sein", sondern von "also macht das so". Tut das, tut das nicht, oder sogar "Tut das um Gottes Willen nicht!".
Er sagt aber auch, dass man seinen eigenen Stil entwickeln soll und nicht versuchen wie jemand anderes zu schreiben. Hm.
Und das ist dann in jedem Schreibratgeber der Punkt, an dem unweigerlich ein kleines Mantra in meinem Kopf anfängt zu trällern, das da heißt "This is bullshit!". In Endlosschleife.
Ich denke, würde ich Mr. King jemals treffen und dürfte mich 5 Minuten mit ihm unterhalten, dann würde ich ihm genau das sagen und zu seiner Ehrenrettung (und meiner;-) denke ich sogar keiner von uns beiden hätte ein Problem damit.

Mein kleines Bullshit-Mantra zieht sich deshalb so konsequent durch den ganzen zweiten Teil des Buches, weil es - vielleicht ein Feature von Ratgebern aber für mich trotzdem ein Bug - die für mich wichtigste Regel des kreativen Arbeitens verletzt: ES KOMMT DARAUF AN!

Wenn jemand am besten arbeitet, wenn er 4-6Stunden am Tag an einem Schreibtisch mit dem Gesicht zu einer blanken Wand sitzt, jeden Tag nicht von diesem Tisch aufsteht und nicht die Tür aufschließt, bis die 2000Worte runtergerissen sind und keine größeren Schreibpausen als 1 Tag machen will, weil ihm sonst die Geschichte entgleitet und deswegen auch keine Ausnahmen für Geburtstage, Weihnachten und Trauerfälle machen kann und niemals Fernsehen würde, weil das Teufelszeug ist - ok, gut, fein, von mir aus.
Aber was hat das mit mir zu tun?
Ich bin nicht in der (glücklichen?) Lage meinen Tag frei einzuteilen, mein Arbeitszimmer hat keine Tür und eigentlich wandere ich mit meinem Rechner sowieso am liebsten von Zimmer zu Zimmer, mein Schreibtisch kukt durch ein großes Fenster in meinen Garten und feste Schreibzeiten und Wortziele bringen mir gar nichts, wenn ich keine Lust habe, kommt da nur Mist bei raus, den ich nacher unter "nutzlosem Aktionismus" verbuchen und komplett löschen kann. Schreiben ist einsam genug, ich nehme mir gerne Zeit für Geburtstage und andere Soziale "Verpflichtungen" und manchmal schwimmt mir eine Szene erst nach mehreren Wochen in den Fokus und meine Figuren und Plots kommen mir klarer vor den je. Und dieses pseudo-intellektuell-elitäre "Iih Fernsehen, wie kann man nur?" kann ich echt nicht mehr hören - wißt ihr wieviele großartig hilfreiche Ideen ich aus Serien und Dokus habe? Bleibt mir bloß mit dem Statussymbol "Fernsehablehnung" vom Leib, I know what I'm doing! (Obwohl ich zugestehe, dass in den späten 90ern, in denen dieses Buch entstand, vielleicht noch nicht sooo viel an TV Budget ausgegeben wurde, aber selbst da gab es schon den History Channel!;-)
Seine Arbeitsweise zu teilen, ist nett, aber daraus Regeln abzuleiten halte ich für tiefgreifend problematisch, denn: Es kommt IMMER darauf an.

Jede! einzlene! Regel! "wie man Dinge tut" kann und darf und muss von irgendwem irgendwo gebrochen werden, ansonsten bleibt jede Kreativität auf der Strecke.

Es fällt mir auf, dass ich sehr Beratungsresistent rüberkomme und in gewissem Sinne bin ich das auch. Der fundamentale Unterschied zwischen mir und Mr. King ist vielleicht der: Mir ist es ziemlich egal, ob jemand anderes mag was ich mache.
Ich glaube, es wäre kein großes Drama zuzugestehen, dass ich nicht mag was Stephen King schreibt (tue ich nicht und jetzt weiß ich ein wenig besser warum;-) und dass er vermutlich absolut hassen würde, was ich schreibe. Aber durch seine Ratschläge zieht sich eine generelle Leser-Orientierung, die man als Berufsautor vielleicht braucht, aber die mir komplett abgeht.
Ich sage meinen Beta-Lesern immer, dass sie nicht bis zum Ende "dranbleiben" müssen, wenn ihnen die Geschichte partout nicht gefällt. Ich muss/will meine Geschichten nicht verkaufen, was irgendein späterer Leser, irgendein Kritiker, oder irgendeine Zielgruppe, oder irgendein Zeitgeist von meinem Stil und meinen Figuren hält, ist mir ziemlich schnuppe.
Um im Wortschatz des Buches zu bleiben: Ich bin absolut überzeugt davon lieber ein mittelmäßiger Autor zu meinen eigenen Bedingungen zu bleiben, als ein "guter" oder "großartiger" nach der Definition von jemand anderem zu werden.
Und ich glaube auch damit hätte Stephen King kein Problem - das macht es besser.;-)

Unterm Strich kann ich trotzdem nur 3 von 5 Schreibmaschienen vergeben, denn außer der Erkenntnis, dass ich mit meiner im Selbstversuch entwickelten Arbeitsweise ganz zufrieden bin (das ist ja schonmal 3 Punkte wert, no?), war das nicht wirklich hilfreich und geärgert hab ich mich auch wieder, das ewige ZEN ist also mal wieder weg.*seufz*;-)

Kommentare:

tine hat gesagt…

"Ich bin absolut überzeugt davon lieber ein mittelmäßiger Autor zu meinen eigenen Bedingungen zu bleiben, als ein "guter" oder "großartiger" nach der Definition von jemand anderem zu werden."

Der Satz ist schön :)

Ich denke mir, was gut *ist* kann man sowieso nicht feststellen, weil 'gutes Erzählen' so subjektiv und schwammig und von tausend Seiten bedingt ist. Sicher, Popularität - i.e. anderleutes Meinung - ist eine Messlatte, die man an tausend Bücher gleichzeitig anlegen und aus der man Rankings ableiten kann, aber da ist das Yard auch wieder nur der Abstand zwischen der Nase des Königs und dem Daumen an seinem ausgestreckten Arm (oder welche Maßeinheit das seinerzeit mal war).

Letzendlich muss man als Autor_in damit leben, jeden Tag das Maß zu konfrontieren und zu tragen, das man an sich selbst anlegt. Auf Basis welcher Werte man sich für das eine oder andere Maß entscheidet, bleibt jede_r selbst überlassen.
Ich wähle mein Wohlbefinden und meinen Spaß als Werte und ergo meinen eigenen Geschmack als Maß meiner Dinge. Bisher hab ich darüber die Freude am Schreiben nicht verloren, und darauf kommt es für mich an.

Wie andere das für sich entscheiden, bleibt ihnen überlassen. Und wenn sie meine Entscheidung scheiße finden, tja, damit müssen sie dann halt irgendwie klar kommen und ihr Leben weiterleben. Sollte nicht so schwer sein.

Ela Sonntag hat gesagt…

Merci! :-)
Ich habe auch so meine Schwierigkeiten mit gut und schlecht, weil das so willkürliche Kategorien sind. Das meinte ich aber mit der Leser-Orientierung - ohne das irgendwie negativ zu konnotieren, habe ich oft das Gefühl, dass es dabei um "Verkaufbarkeit" oder "Allgemeingeschmack" geht, wenn man versteht was ich meine?
Das sind keine Kategorien, in denen ich denke - ich frage mich ob meine Figuren nachvollziehbar sind, ob die Chronologie stimmt, der Spannungsaufbau nicht zu oberflächlich und nicht zu lahmarschig ist oder ob irgendwelche Details der Geschichte unlogisch sind. Wenn das für mich alles stimmt, bin ich zufrieden, ob das dann "gefällt", ist eine Kategorie, die ich (finde ich) nur sehr wenig beeinflussen kann.;-)

tine hat gesagt…

Dito, dito und dito.

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