2014-11-04

Diet Cults. Religion am Küchentisch (vorsicht lang)

Hmm scheinbar ist gerade Kontroversen-Herbst im Blog - erst Gender und jetzt auch noch Ernährung, da fehlt nur noch Religion und wir haben die 3 Top-Flamewar-Themen zusammen. Bring in the trolls, oder so...;-)
Nein keine Angst, ich halte die Armeen von Mordor schon draußen, aber trotzdem eine kleine Triggerwarnung: Im Folgenden könnte es darum gehen, dass nicht alle dicken Menschen dumm sind und nicht alle Ernährungsgurus schlau. Wer deswegen befürchtet sein Weltbild zu gefährden, der lese bitte nicht weiter, ich will nicht an akkuten Desillusionierungs-Herzinfarkten Schuld sein!

Eigentlich beschäftigen wir uns heute aber vordergründig mit einem Zufallsfund - Diet Cults, geschrieben von Matt Fitzgerald, ein Buch, das ich auf dem Tisch einer Kollegin entdeckte und zugegebenermaßen allein wegen dem Cover ausleihen wollte.;-)


Und um das mal festzuhalten: Das Cover ist auch wirklich gut! Der Inhalt konnte nicht ganz mithalten, aber der Reihe nach.
Worum es geht:
From “The Four Hour Body,” to “Atkins,” there are diet cults to match seemingly any mood and personality type. Everywhere we turn, someone is preaching the “One True Way” to eat for maximum health. Paleo Diet advocates tell us that all foods less than 12,000 years old are the enemy. Low-carb gurus demonize carbs, then there are the low-fat prophets. But they agree on one thing: there is only one true way to eat for maximum health. The first clue that that is a fallacy is the sheer variety of diets advocated. Indeed, while all of these competing views claim to be backed by “science,” a good look at actual nutritional science itself suggests that it is impossible to identify a single best way to eat. Fitzgerald advocates an agnostic, rational approach to eating habits, based on one’s own habits, lifestyle, and genetics/body type. Many professional athletes already practice this “Good Enough” diet, and now we can too and ditch the brainwashing of these diet cults for good.
Bevor jetzt gleich die Ersten Luft zum Widersprechen holen: Ja, es ist tatsächlich möglich ein Ernährungskonzept vorzustellen in einem Buch, dass Ernährungskonzepte ablehnt. Du kannst zum Ehtikunterricht gehen und dabei viel darüber lernen, wie man ein netter Mensch ist, ganz ohne einer Sekte anzugehören und/oder an einen unsichtbaren Gott zu glauben, der dich sonst bestraft. Das an sich ist nicht meine Kritik, aber fangen wir mal mit was Positivem an.

Was mir gut gefiel:
Die Idee
Es ist offensichtlich richtig, dass Ernährungskonzepte viel mit Religion zu tun haben, angefangen bei der einfachen Tatsache, dass die ersten Ernährungskonzepte religiöse Fasten- und Speisevorschriften sind/waren. Heutzutage kann kein Prophet mehr mit der Steintafel-Nummer durchkommen, aber wenn man das Wort "Gott" durch "Medizin" oder "Wissenschaft" ersetzt, funktioniert das immer noch genauso - angefangen bei der Kategorisierung von Nahrungsmitteln in "gut" und "böse", über die Vorstellung, dass böse Dinge essen eine "Sünde" ist, für die man durch gutes Essen oder Sport "Vergebung" finden muss, bis hin zu der teilweise ziemlich zweifelhaften Auswahl von "Belegen" und "Wunderheilungen", mit denen eine Ernährungsbewegung Gruppendynamik erzeugt, "Ungläubige" missioniert, widersprechende Stimmen als "Ketzer" verteufelt (vergleiche Wissenschaft im Kreationismus...) und diejenigen Gruppenmitglieder sanktioniert, die nicht "pur genug" der wahren Lehre folgen.
Wer das für übertrieben hält, kann das gerne tun, aber war dann vermutlich noch nie in einem Puristen-Forum für Vegetarier, Paleo, Atkins oder vergleichbare Glaubenssätze.

Was mir an dem Buch gut gefiel war daher zum einen diese systematische Aufarbeitung dieses scheinbar menschlichen Grundbedürfnisses nach Gruppenzusammenhalt - die Grundlage jeder einzelnen Sekte, egal obs es dabei um Jesus, Kohlehydrate oder Außerirdische geht;-) - aber auch die Tatsache, dass der Autor sich sehr zurückhält Menschen diesen Glauben abspenstig zu machen, auch wenn das im Klappentext so klingt. Er sagt nur, man kann glauben was man will und sich aus moralischer Überzeugung oder dem Willen zu einer Gruppe zu gehören für jeden beliebigen Weg entscheiden - man sollte nur nicht so tun, als hätte das irgendwas mit Rationalität und Wissenschaft zu tun und wäre daher auch der Einzig Wahre Weg für alle anderen.
Wo wir wieder bei der 100%igen Übereinstimmung mit Religion wären.;-)

Was mir nicht so gefiel:
1. Annekdoten sind keine Belege...
Ich hatte mir mehr von diesem Ansatz versprochen, vor allem aber hatte ich mir mehr Wissenschaftlichkeit versprochen. Der Autor ist Journalist, Personal Trainer und Ausdauersportler, wenn ich das richtig gelesen habe und als solcher weiß er vermutlich wovon er spricht, wenn es um Fitness und Athletenernährung geht und schreibt auch ganz nett - aber von wissenschaftlichem Arbeiten hat er leider keine Ahnung und wer sich die epische Queste setzt die Pseudo-Wissenschaft von Anderen zu offenbaren, der muss leider (in meinen Augen) zum Credible Hulk mutieren und zu 1000% wissenschaftlich sein. Und ein Buch, dass zu 100% auf Fußnoten verzichtet, hat da bei mir keine Chance.
Es ist zwar richtig, dass der Autor sich Mühe gibt Studien für seine Behauptungen anzugeben, aber Kreationisten verweisen auch auf Studien dazu, dass es keine Schwerkraft gibt, die reine Existenz irgendeiner Quelle sagt nichts über deren Qualität aus!
Gerade im Ernährungsbereich (wie der Autor selber feststellt) wird oft schlampig gearbeitet nach dem "jeder weiß ja, dass das stimmt" Prinzip - entweder sind die Probantengruppen zu klein (unaussagekräftig), oder die "zu beweisende These" wird den Testpersonen gleich zu Anfang mitgeteilt (Placebo-Effekt), oder, besonders beliebt, die Studie verwechselt Effekt mit Kausalität. Letzteres begegnet einem sehr oft, wie z.B. "Wir haben gemessen, dass sowohl der Fernsehkonsum, als auch die Gewaltverbrechen seit den 50er Jahren angestiegen sind. Fernsehen macht also aggresiv.".
Das ist ein typischer Fall von "jeder weiß ja, dass das stimmt" Annahme, die durch mehr oder minder willkürliche Beobachtungen gestützt werden soll - natürlich ist der Fernsehkonsum seit den 50ern angestiegen, vorher gab es keine Fernseher! Genauso könnte man beobachten, dass der Konsum von Gummibärchen angestiegen ist, oder der Verkauf von WLAN-Routern. Vielleicht machen also Gummibärchen oder WLAN-Router aggressiv. So sieht schlampige "Jeder weiß ja" Wissenschaft aus und ohne Quellenangaben, kann ich nicht nachvollziehen, ob die Studien, die der Autor für sein Argument heranzieht in irgendeiner Form besser sind, als die, die er ablehnt.
Außerdem nervt es mich furchtbar, dass er jedes Kapitel mit einer Geschichte über "seinen Freund Steve, den Paleoaner", "seinen Freund Bret, den Rohkost-Vegetarier", oder "seine Freundin Amy, die Weight Watcherin" anfängt...mein Desinteresse am Leben von fremden Menschen ist quasi grenzenlos!;-)

2. Essen, Gesundheit und der BMI
Was mich noch mehr vergräzt hat, als die fehlenden Fußnoten, ist die Wiederholung eines Ernährungsmantras: Der Autor sagt zwar, dass man sich nicht auf eine Ernährungsreligion festlegen muss, um sich gesund zu ernähren, aber das gesunde Ernährung absolut wichtig ist, um gesund und dünn und attraktiv zu sein. Wisst ihr wie sehr mich das nervt?
Mal ganz davon abgesehen, dass die Vorstellung nur Menschen unter einem gewissen BMI könnten irgendwie attraktiv sein für mich persönlich ziemlich beleidigend ist - es ist auch völliger "jeder weiß ja" Bullshit zu behaupten, dass gesunde Ernährung und Sport zwangläufig dazu führen, dass wir alle dünn werden!
Diese Annahme bedeutet im Umkehrschluss nur, dass alle dicken Menschen irgendwas "falsch" machen und das wiederum führt dazu, dass ich von "wohlmeinenden Menschen", oder auch Ärzten (die es wirklich besser wissen sollten) seit Jahren so dumme Sprüche zu hören kriege, wie "Lassen Sie doch mal das Brötchen mit Remoulade zur Mittagspause weg.", "Bewegen Sie sich doch einfach mal 2-3x die Woche, schon Spazieren Gehen hilft!", "Also wenn man jeden Sonntag Kuchen isst, muss man sich nicht wundern."...gefolgt meistens von einer mühsam beherrschten Rechtfertigung meinerseits, dass mein Ernährungs- und Trainingsplan alle diese Dinge (und! mehr!) schon berücksichtigt, gefolgt von einem mitleidigen Blick und/oder der Aussage "Na das kann ja wohl nicht stimmen, sonst sähen Sie ja nicht immer noch so aus." Wisst ihr was Anger Management ist?
Das Zeug, in dem ich scheinbar inzwischen Großmeister bin, weil ich noch keinem dieser unverschämten Arschlöcher einen Fußtritt ins Gesicht verpasst habe, obwohl sie mich ohne jegliches schlechte Gewissen als fette Lügnerin beschimpfen. Und solange dieses "jeder weiß ja" Vorurteil in Büchern wie dem hier breitgetreten wird, wird sich das wohl für mich und unzählige andere "fitte Fatties" nicht ändern!
Ich unterstelle dem Autor hier keine böse Absicht, aber er und viele andere Menschen in seinem "Denkuniversum" sollten vielleicht mal darüber nachdenken, was für eine Philosophie sie da leben?
Viele "große Geister" der Geschichte hatten völlig destruktive Angewohnheiten , oder waren von vorneherein ziemlich ungesund - wer das nicht glaubt, kann gerne mal Newton, Schiller, Marie Curie oder Stephen Hawking googlen, ich kann nicht alles vorkauen.;-) - macht sie das jetzt zu "schlechteren Menschen" weil sie was falsch gemacht haben?
Ist das Aussehen oder der Gesundheitszustand eines Menschen wirklich ein Barometer für seinen Wert? Bin ich moralisch ein besserer Mensch, weil ich meiner Gesundheit eine höhere Priorität einräume als jemand anderes das tut? Kann ich wirklich so anmaßend sein meine Entscheidungen und Erfahrungen für den einzig wahren Lebensweg zu halten, dem jetzt alle folgen sollten?

Und ja, ich werde zum Credible Hulk, wenn ich wütend bin, also lasst uns doch zum Abschluss nochmal kurz die Religionsidee aufgreifen und ein kleines Glaubensbekenntnis sprechen:

- Ich glaube, dass das Aussehen und der Gesundheitszustand eines Menschen nicht seinen Wert bestimmen.
- Ich glaube, dass jeder Mensch das Recht hat seine eigenen Entscheidungen zu treffen, zu tun was ihn glücklich macht und auch seine eigenen Fehler zu machen.
- Ich glaube, dass ein für meine Lebensrealität und Präferenzen lebbares Maß an gesunder Ernährung mein Wohlbefinden steigert und meiner Gesundheit gut tut - egal ob ich dabei dünn werde.
- Ich glaube das Freude an Bewegung ein essentieller Faktor für eine verlängerte Lebenserwartung ist und werde weiterhin Bewegungsarten verfolgen, die mir Spaß machen und zu denen ich mich nicht zwingen muss - egal ob ich davon dünn werde.
- Ich werde niemals jemandem raten seine Gewohnheiten zu ändern, nur um abzunehmen und (optional) ich werde anderen (auch Ärzten) bei Bedarf zu erklären, warum ich das ablehne.
- Ich werde versuchen nur positiv über meinen Körper zu denken und damit etwas für meine Gesundheit und mein Wohlbefinden tun.
- Ich werde keine trolligen Kommentare in diesem Blogpost zulassen!;-)

Amen!

Und um das noch abzuschließen: Wer mal ein bißchen unverbindlich in Ernährungsmythen reinlesen will, soll das mit diesem Buch gerne tun, aber von mit gibt es für inkonsequente Umsetzung und "hat mich geärgert" Potential nur 1 von 5 Toastscheiben. ;-)

(P.S. Tut mir leid, dass alle Artikel erstmal in Englisch sind, ich habe mir ehrlich einfach nicht die Mühe gemacht nachzuschauen, ob es inzwischen auch eine deutsche Übersetzung zumindest der medizinischen Studien gibt...Aber ihr habt ja jetzt die genauen Angaben, da könnt ihr das ja vielleicht selber machen? Quellenangaben, it works!;-)

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