14.04.2014

Die zerbrochene Puppe

Ich habe es vielleicht schon mal erwähnt, aber ich sage es lieber nochmal: Die "Bücher von Freunden" Liste, die ich noch abzulesen habe, wird langsam aber stetig länger und länger...
Ich empfinde das durchaus als positiv, auch wenn mich manchmal ein wenig das schlechte Gewissen plagt - soviele Bücher und so wenig Zeit...und dabei lese ich momentan auch noch so furchtbar langsam...
Naja, machen wir's im Winter, stimmt bestimmt auch hier, kommt die kalte Jahreszeit, werden die Abends mit Buch und warmer Decke auch wieder mehr werden!

Bevor es wieder zu diesen wohligen Umständen kommt, habe ich aber zumindest schonmal mein signertes Leseexemplar (endlich) feierlich ins "Gelesen"-Regal einräumen können! (Und ich darf es sogar auch behalten, weil ich inzwischen die Widmung entschlüsseln konnte. *yei*;-)

In den letzten Wochen auf meinem Nachttisch also (die Seitenleiste hat es angekündigt):
Die zerbrochene Puppe von Judith & Christian Vogt, ausgezeichnet mit dem Deutschen Phantastikpreis 2013, ich finde das darf man nochmal sagen.

Abgesehen von dem großartigen (wie ich finde) Coverbild, verrät uns der Umschlag zur Handlung außerdem folgendes:
Die Physikerin Æmelie von Erlenhofen stellt auf einer Konferenz in Venedig den Prototypen einer Brennstoffzelle vor. Kurz darauf dringen wandelnde Tote in ihre Unterkunft ein und töten die Wissenschaftlerin, der es gerade noch gelingt, ihrem Mann Naðan die Flucht zu ermöglichen. Das Letzte, was sie ihm mit auf den Weg gibt, ist ihre alte Porzellanpuppe, die von nun an Naðans beste Freundin wird, da sie mit der Stimme seiner verstorbenen Frau spricht. Die sterblichen Überreste Æmelies indes verschleppen die wandelnden Kadaver. Die Polizei kann der Spur bis nach Æsta, einer schwimmenden Stadt auf einem Eisberg, folgen, wo sie sich verliert. Naðan beschließt, weiter nach Æmelies Leiche zu suchen. Mittellos fahndet er zwischen Gewerkschaftlern, Huren und Opiumsüchtigen nach dem Täter. Eine Odyssee beginnt, in deren Verlauf Naðan zahlreiche Irrungen und Wirrungen durchleben muss, ehe er einem schrecklichen Geheimnis auf die Schliche kommt.

Was die Geschichte als solche angeht, sind wir mit dieser Zusammenfassung schon nach 3-4Kapiteln wieder auf uns gestellt, aber man soll ja auch nicht zuviel verraten, also werde ich mein Bestes geben einen Spoilerfreien Post hinzubekommen (ob ich das schaffe...?;-).
Als Allererstes möchte ich mal lobend erwähnen, dass die Geschichte einen sehr nachvollziehbaren und interessanten Ich-Erzähler hat. Ich-Erzähler Bücher sind immer ein wenig tricky, zu langweilige Typen machen furchtbare Ich-Erzähler, zu unsymphatische Typen auch und zu sehr von sich überzeugte Typen sind irgendwann auch langweilig. Aber dem guten Nathan (man verzeihe mir die Nachlässigkeit nicht nach Sonderzeichen zu suchen) hört man gerne zu und man versteht ihn und leidet mit ihm - gut, außer vielleicht bei den Sex-Szenen, da leidet er aber auch nicht sonderlich, möchte ich behaupten.;-)
Die Kapitelüberschriften in "Gemälde"-Form sind ein Stilmittel, das mir ausnehmend gut gefällt, die "künstlerische Beschreibung" hätte von mir aus noch dominanter eingebaut werden dürfen, aber ich verstehe auch, dass das eventuell vom Adventure Charakter der Geschichte abgelenkt hätte - die Steampunk Perspektive eines technisch nicht so sehr begabten Künstler-Ich-Erzählers ist in jedem Fall ein sehr gelunger Spagat.

Ich bin an einigen Stellen über recht "fantasy-eske" Sprachwendungen ein wenig mental gestolpert, aber das ist wohl eher ein Feature als ein Bug, weil ich kein Fantasy-Leser bin - man mag es nicht glauben, aber es stimmt...das wird spannend, wenn ich demnächst selber welche schreiben will...;-) Wo ich mich sprachlich aber sehr wiedergefunden habe, waren die Nordküsten - die ganze Ästhetik von Nordland, Eis, Meer, Sturm und Steilküste ist einfach genau mein Ding und ich konnte mich da sofort Zuhause fühlen - ein paar nordische Götter dazugarniert, was will das Heidenkind mehr?;-)

Insgesamt also ein eisiger, aber spannender Ausflug in die Alternative Reality, mit Piraten, Luftschiffen, Gewerkschafter-Straßenkämpfen, mechanischen Menschen, grausigen Experimenten, wandelnden Toten, großen Gefechten und allem was das Steampunk-Herz begehrt - ich konnte die Verfilmung quasi vor dem geistigen Auge sehen, vielleicht kommt es ja mal dazu.:-)

Als einzigen, winzigen Kritikpunkt (ja, irgendwas ist immer, ich weiß;-) muss ich vermerken, dass der Ich-Erzähler für meinen Geschmack gerade am Begin der Geschichte zuviel "erklärt". Natürlich muss man sich bei Ich-Erzählern immer fragen, wer denn der Angesprochene ist - eine Figur aus derselben Umgebung, "in-time" quasi, der die Erklärung nicht braucht, oder der "out-time" Leser, der diese und jede Erklärung zu Sitten, Hintergrundwelt etc etc vielleicht dankbar aufnimmt. Mir persönlich gefällt die in-time Lösung immer besser, gerade weil Einblicke in das Drumherum so eigentlich nur auf das beschränkt bleiben, was man in der Geschichte "zeigen" kann, ohne zu erklären und ich lieber frangend zurückbleibe und meine eigenen Antworten suche - mir ist aber bewußt, dass ich damit nicht den Allgemeingeschmack ausdrücke, mir erklären Autoren sehr oft zu viel, wo andere gerade das toll finden.;-) Das Ende der Geschichte aber zum Beispiel lässt grandios viel offen, das ist dann eher meins.

Insgesamt ziehe ich also ein halbes Pünkthen ab und lande bei hervorrangenden 4,5 von 5 Zahnrädern!
Mal sehen, ob die Zombies, die jetzt auf dem Nachttisch liegen, da mithalten können...

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