03.10.2015

Sleepy Hollow. Oder: Von der Geschichte verraten.

Normalerweise schreibe ich nicht viel über die Serien, die ich so sehe - was eigentlich interessant ist, insofern, dass es schon ziemlich viele Serien gibt, die ich/wir mal mehr mal weniger konsequent verfolgen. Viel viel mehr zumindest, als die paar Filme, die wir ab und zu mal anschauen.;-)

Der Grund warum ich nur in Ausnahmefällen mal von Serien erzähle, ist der, dass ich eigentlich immer davon ausgehe, dass solange eine Serie noch nicht abgedreht ist, ein Urteil über Gefällt mir/Gefällt mir nicht eigentlich nicht wirklich Sinn macht. Jede Serie mag ihre Staffel-Storyarcs haben, aber die Charaktere laufen ja weiter, machen neue Storylines auf, neue Erfahrungen, Entwicklungen etc. etc...
In der einzigen zitierten Ausnahme war es daher deswegen eine Ausnahme, weil ein Hauptarc tatsächlich zuende war, die eigentliche Serie damit hätte zuende sein sollen und so alles weitere jetzt quasi von fast 0 wieder anheben musste.

Trotzdem möchte ich mal was zu der Serie Sleepy Hollow erzählen, weil es eine Idee und eine Serie war, die mir so ungefähr 10 Folgen unfassbar gut gefallen hat und von deren Autoren/Geschichte ich mich danach umso betrogener gefühlt habe. Dazu kommen dann auch ein paar allgemeine Gedanken zum Storypacing, Spannungsaufbau usw., aber der übliche Disclaimer muss vorangeschickt werden: Ich werde keine Rücksicht auf Spoiler nehmen und wer die Serie bedingungslos bis zum Ende (der 1. Staffel) mochte, sollte vielleicht auch nicht weiterlesen, das wird nur unschön.;-)

Aber erstmal, worum geht es eigentlich?
Die Geschichte von Ickebot Crane, Katrina und dem Kopflosen Reiter dürfte zumindest in der Kinoversion mit Johnny Depp bekannt sein und mehr "Hintergrundwissen" braucht man auch nicht. In der Serienversion spielt sich die Geschichte so aus, dass sich anno dazumal (im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, das ist nacher noch wichtig, weil wir Gründerväter brauchen) Ickebot und der Reiter zeitgleich ins Jenseits befördern, woraufhin Mrs Crane aka Hexe Katrina die beiden quasi als untote Blutsbrüder verbindet, so dass wenn der eine wieder aufersteht der andere das auch tun muss.
Das erfolgt dann im Sleepy Hollow der Neuzeit und anfangs ist das ziemlich witzig, auch wenn nicht ganz klar ist, aus welchem Grund diese Zombie-Bruderschaft jetzt Sinn machte - es wird zwischendurch angedeutet, dass Hexe Katrina wohl nicht so ganz glücklich über den Tod ihres Mannes war, was nachvollziehbar ist, aber wie ihr das dann hilft ihn irgendwann in einer weit erntfernten Zukunft (in der ihre alten Knochen schon zu Staub zerfallen sein dürften) wieder aufstehen zu lassen, wird nicht wirklich erklärt. Zum Glück kommt schnell eine Bibelstelle zu Hilfe (natürlich) und Ickebot + schwarzer Sherrifin werden zu Zeugen der Apokalypse erklärt, die den Kopflosen Reiter aufhalten sollen, der (irre überraschend) natürlich ein apokalyptischer Reiter ist.

Soweit so christlich klar, wir wissen immer noch nicht wie Hexe Katrina das mit den Zeugen und der Apokalypse wissen konnte - außer "Hey it's Magic" das geht immer;-) - aber wenn man als ihre Motivation weniger Trauerarbeit, als mehr "sollte der nochmal wiederkommen, wär's gut, wenn ihn jemand aufhalten kann" praktische Planung unterstellt, macht das schon wieder Sinn und die beiden Hautpcharaktere sind einfach ein unfassbar gutes Team - so gut in fact, dass ich mir manche Züge dieser Beziehung für Elysion ausgeliehen habe, weil es eine perfekte Symbiose aus Witz, Fürsorge, Freundschaft, Pflichterfüllung und ein bißchen romantischer Spannung ist.
Dazu kommen dann der düstere Reiter, ein heimlicher Hexenzirkel, der in Sleepy Hollow weiterbesteht und ein Monster-Scherge, der früher mal Kollege und Ex-Date der Sherrifin war und alles hätte wirklich schön sein können.

Warum ist es das aber nicht?
Leider wurde den Autoren der Serie die ganze Chose oben scheinbar zu langweilig, also musste von allem MEHR her:
- mehr Plot-Twists, aus der Ecke "aha" (der alte Sherrif-Mentor war eigentlich sowas wie ein okkulter Ermittler), über "echt jetzt?" (natürlich ist die einzige Schwarze, die man in den Rückblenden sieht automatische eine Vorfahrin der schwarzen Heldin), bis zu "wtf?" (Hexe Katrinas Exil im Fegefeuer ist eine "Strafe" ihres eigenen Coven, aber wofür - also wegen der verbotenen Trauerarbeit, oder weil man die Apokalypse nicht aufhalten darf - erfährt man nicht, weil alle Mitglieder nach 2 Sätzen von der dunklen Bedrohung zermatscht werden)
- mehr Familienbrassel auf allen Seiten - der Kopflose Reiter ist Katrinas Ex, der (natürlich) eine offene Rechnung mit Ickebot hat ("Wie konntest du es wagen mich umzubringen, als ich dich dafür erschießen wollte, dass meine Ex-Freundin dich lieber mag?" Zum Glück redet der Kopflose Reiter nicht), der Apokalypse-Dämon ist der böse Geist, der dafür zuständig ist, dass die Schwester der Sherrifin seit Jahren in der Klapse sitzt, natürlich hatten Mr&Ms Crane einen Hexensohn und die Familie des Polizeichefs wird noch von Dämonen bedroht, während sie zwischendurch "warum wir uns scheiden lassen sollten" Gespräche führen
 - mehr düstere Bedrohung - aus einem Reiter werden potentiell 4, außerdem gibt es, Zitat "Legionen von Monstern", die es auf die Zeugen abgesehen haben und gegen die selbige eigentlich keine Schnitte haben, weil Menschen gegen Dämonen und so...also mehr mehr mehr Gefahren- und Konfliktpotential.

Und da wird dann das mit dem Pacing dann schiwerig, denn in einem Setting, das suggeriert, dass die Gefahrenstufen-Messlatte quasi zu 100% der Zeit bei +5000 unter der Decke klebt, wirken viele Dinge, die anfangs noch gut funktioniert haben (comic relief, Charakterentwicklung, Familien- und Vergangenheitsbewältigung) plötzlich sehr gehetzt bis deplatziert. Hier haben wir keine Monster of the Week-Folgen, wie bei Supernatural, mit denen man mal eine Verschnaufpause vom Hauptbösewicht machen kann und auch keine Folgen, in denen wir einfach nur Recherche, Familienbrassel und ein wenig Treasure-Hunting betreiben, weil die akkute Bedrohung grad mal abgeebbt ist, nein es muss alles! immer! gleichzeitig! passieren!
Ein Beispiel? Müssen wir wirklich als Zuschauer schon wissen, dass die bösen Dämonen schon mit der Polizeichef Familie im Haus sind, während die Helden der Geschichte erst noch diskutieren, recherchieren und drauf kommen müssen, wie man die evt. irgendwann mal besiegen könnte? Und muss die kleine süße Polizeichef-Tochter wirklich schon in den kompletten "Keinen Schritt weiter, sonst töte ich Mami"-Exorzisten-Modus umschalten, während die Helden erst auf dem Hinweg zu irgendeiner Sekte sind, in deren Haus man dann einbrechen, versagen, mit den Bewohnern diskutieren muss, um das Anti-Dämonen Dingsi zu bekommen und dann wieder zurück zu fahren und DANN noch genau rechtzeitig zur Rettung zu kommen?

Das wirkt einfach unheimlich lächerlich, kennt irgendwer diesen SWITCH-Sketch? "Haha ich werde dich töten, Xena kann dich nicht mehr retten, denn genau jetzt, ohne noch weitere Worte, werde ich dich töten, und niemand wird daran etwas ändern können, denn genau jetzt werde ich dich töten..."
Ich habe daher die letzten Folgen auch nur mit einem guten Buch in der Hand ertragen, denn soviel Perlen vor die Säue zu werfen, nur weil man sich nicht entscheiden kann welchen der 1000 angerissenen Konflikte man denn jetzt zu Ende erzählen will, macht mich einfach unheimlich aggressiv, vor allem WEIL die Ausgangssituation so großartig war. Man hätte das alles mit dem ursprünglichen Bösewicht zuende erzählen können und sich den "Twist" mit den anderen 3 Reitern vielleicht für die nächsten Staffeln aufheben - das hätte mehr Raum gelassen für alle möglichen Familienbrassel Plots, aber das kann man leider nicht, wenn man glaubt je mehr Twists ein Plot hat, desto besser.
Das läuft dann am Ende darauf hinaus, dass viele "wir müssen jetzt über etwas hinwegkommen"-Dialoge so ablaufen: "OMG ich habe einen Sohn und er wurde von einem Monster verfolgt und ich weiß nicht was aus ihm geworden ist/Meine Schwester ist gar nicht verrückt, ich habe ihr 20 Jahre lang Unrecht getan und jetzt muss sie mir verzeiehen, weil ich sie leider brauche/Das ist alles ein großer Freimaurer Plan, mit Konsequnzen für die ganze Menschheit - ja egal, wir müssen weiter." Echt? Ja leider.

Das mit den Freimaurern ist übrigens der Grund warum wir Gründerväter brauchen - es ist zwingend notwendig, dass wir im geheimen Grab von George Washington eine Freimaurer Pyramide finden und einen geheimen Geheimgang, den man nur mit Wissen über Freimaurersymbolik öffnen kann, um den Bösewichtem am Ausgang zu entkommen. Ja, Freimaurer sind solche Verschwörungsfans, dass sie geheime Geheimausgänge in ihre geheimen Gräber einbauen. Ja, so schlimm wird es am Ende, ich hatte darauf gewartet, dass Ickebot plötzlich zerfließt und sich Nicolas Cage so Terminator mäßig aus der Pfütze erhebt.

 Den schlimmsten Twist mit dem Hexenkind ersparen ich euch mal, das war der einzige Plottwist, den ich so nicht erwartet hatte, aber sogar der fußt auf einem sehr wackeligen Fundament:
1. Wenn Hexenkinder als Hexenkinder geboren werden, warum kommt dann seine Hexenmutter auf die tolle Idee den kleinen Feuerteufel auszusetzen? ("zu seinem Schutz" Blabla, passt nicht ganz, wenn man davon ausgehen muss, dass sich der kleine Warlock schon selber einäschert, bevor er die ersten Zähne bekommt)
2. Apropos zu seinem Schutz: Was hat der alte Hexenzirkel nicht nur gegen die Mutter sondern auch gegen das Kind? Da kommt wieder zum Tragen, dass uns schon nicht ganz einsichtig gemacht wird, was eigentlich der "böse Verstoß" war, der die ewige Verdammnis und das Töten von Kindern rechtfertigt. Irgendwie scheint das ernst genug, als das man das erklären könnte, aber "Ja egal wir müssen weiter" trifft es leider auch hier.

Fazit: Plot-Twists, die keinem anderen Zweck dienen, als eine "woah das wird so niemals jemand vorraussehen" Story zu konzipieren, lassen mich unbeeindruckt bis frustriert zurück - vielleicht lese ich deswegen keine Krimis/Thriller... - und wenn das dann auch noch auf Kosten von einer anfangs wirklich genial guten Idee geht, dann macht mich das wirklich sauer. Weswegen ich mir die 2. Staffel vermutlich schenken werde, Fernsehen, das man nur mit einem "Ablenkungs-Buch" ertragen kann, ist glaube ich keine wertvolle Nutzung meiner Lebenszeit.;-)
Sehr sehr Schade!!!

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