18.04.2015

Jenufa. Oder: Ist die Zukunft dunkel, oder einfach schwarz?

Ab und zu ist die Moderne überraschend unmodern.
Am letzten Samstag bekamen wir davon eine Kostprobe im Theater Aachen, wo grade Jenufa gegeben wird, eine Oper von Leoš Janáček - ein Name, den man am besten mit Copy&Paste einsetzt, wenn man nicht sämtliche Sonderzeichen durchsuchen will.;-)

Ich denke man muss Vorlage und Komponist nicht zwangläufig kennen, aber man wird sich vielleicht erinnern, dass der letzte Ausflug in die moderne Oper nicht ganz so erfolgreich war. Da ist es ja angenehm zu sehen, dass es auch moderne Opern gibt, die eigentlich ziemlich nach Baroken Mustern funktionieren - keine ewigen Rezitativen, keine nervigen Special Effects, einfach nur 3 Stunden Menschen, die ihre Text singen, wie man das halt so macht.;-)
Das Einzige was sich nich so barok anfühlte, war glücklicherweise die Erzählstruktur - keine verwirrten Nebenplots, in denen sich Menschen unerkennbar hinter winzigen Masken verstecken und so, nein, einfach 3 Akte Auftakt, Katastrophe, Auflösung, ziemlich straff erzählt und sehr kondensiert auf die 3-4 Hauptpersonen, um die es geht.

Man muss sich ein wenig in die Dramatik der Geschichte hineinversetzen, die eigentlich dem klassischen "Gretchen" Muster folgt - außereheliche Schwangerschaft, Schande für die Familie, das wichtigste für die Frau ist noch irgendeinen Mann abzubekommen und für das ungewollte Bastardkind geht das nicht gut aus.
Alle wollen nur "das Beste" und handeln aus Liebe und am Ende ist der Weg in die Tragödie wie immer gepflastert mit guten Absichten.
Wenn man sich aber darauf ein wenig Einlassen kann - die 1930er Ästhetik der Kostüme hilft da ein wenig, zu modern würde die Grundpremisse der Geschichte (Mord und Totschlag = besser als Schande) nicht mehr funtionieren - ist die Dramatik der Ereignisse allerdings sehr kurzweilig, Frauenlynchmob in russischen Kaffewärmer-Kleidern inbegriffen.
Auch das Bühnenbild hatte so eine freudlose Schlichtheit und der Raum im Raum Effekt gab nochmal ein eigenes Gefühl von Klaustrophobie und Ausweglosigkeit dazu.

Nur zwei kleine Einzelheiten im letzten Akt, hätte ich wohl anders gelöst:
1. Das "Happy End" Duett nachdem der Kindsmord aufgeklärt und die Schuldige abgeführt ist, hätte ich mal offen gelassen, wenn es meine Geschichte gewesen wäre. Die Hauptheldin hat noch einen von oben angestrahlten Märtyrer-Moment der Vergebung für die schuldige Mutter, die nur ihr Bestes wollte, der Lynchmob bekommt ein ansteigendes Crecendo, das grade frisch vermählte "Na Hauptsache sie hat noch irgendeinen Mann abbekommen" Pärchen bleibt alleine zurück, Bühne schwarz, Ende. Irgendwie kam mir alles danach ziemlich drangetackert vor, damit man nochmal drauf hinweisen kann, dass die arme Frau ja jetzt doch irgendwie einen netten Mann abbekommen hat, trotz Wutanfällen und Körperverletzung und so....hm! ;-)
2. Die Idee, dass sich am Ende die Bühnenrückseite öffnet und das junge Paar in sein "neues Leben" geht, mag ja ok sein - passt auch zum kitschigen Duett;-) - aber ist das klug, dass dahinter nur eine schwarze Wand ist? Wir waren uns jedenfalls sehr uneins, ob man damit sagen will, dass "die Zukunft noch im Dunkeln liegt", oder dass es jetzt eigentlich nur noch Dunkelheit geben kann...so oder so, wenn es mein Bühnenbild gewesen wäre, hätte es zumindest noch eine Lichtquelle im Off gegeben, damit das nicht so depremierend interpretiert werden kann. ;-)

Insgesamt aber trotzdem eine klare Empehlung, wenn man mal wieder ein bißchen große Operndramatik sehen möchte und damit gute 4 von 5 Schnitzmesser wert.

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