30.04.2014

Du bist was du isst?

Es mag schon aufgefallen sein: Normalerweise halte ich mich in diesem meinem Blog aus allen Politischen, Religiösen oder sonstwie gearteten Gesellschaftlichen Grabenkämpfen so ziemlich heraus. Mein Leben ist zu kurz für Internet-Trolle, selbsternannte Missionare und andere Menschen, die ihre eigene Meinung für den einzig wahren Glauben halten.
In der letzten Woche habe ich aber einen interessanten Artikel im Spiegel zum Thema Diäten und Ernährung gelesen, der mich dann doch angestupst hat, mal ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern.

Ich weiß, dass Ernährungsweisen gerade ein Thema sind, dass viele Menschen umtreibt - ich erlebe das zumindest in meiner Familie, im Büro und im Freundeskreis immer wieder. Meistens halte ich mich aus diesen Disskusionen ziemlich heraus, was hoffentlich nirgendwo als böse Absicht interpretiert wird, aber es ist nunmal leider so, dass ich mich schon seit fast 10 Jahren mit meiner Schilddrüse herumschlage und in dieser Zeit sicherlich mehrere Bibelumfänge an Artikeln, Empfehlungen und Ernährungskonzepten durchexerziert habe - ich habe also meistens einfach das Gefühl, ich habe alles zu diesem Thema schon mal gehört und das Meiste auch schonmal gesagt...;-)

Während dieser 10 Jahre Trial and Error habe ich eines gelernt: Es gibt nicht die einzig wahre Wahrheit!
Und wer etwas anderes behauptet, lügt und/oder will etwas verkaufen. So einfach ist das.
Es ärgert mich daher immer wieder ungemein, wenn mir Artikel unterkommen, die behaupten "Mein Konzept macht dich fit" oder "So wie ich es geschafft habe, kann es jeder schaffen."
So sehr ich Menschen bewundere, die ihr Leben umgekrempelt haben, fit und gesund geworden sind, aber das stimmt einfach nicht! Kein Mensch ist wie der andere. Kein Organismus ist wie der andere, jeder Stoffwechsel hat seine Eigenheiten und so kann ein Konzept nicht für alle nutzbar sein.
Im besten Fall funktioniert also ein Ernährungskonzept wie ein Horoskop in einer Zeitschrift: Wenn man es allgemein genug hält, wird schon eine große Schnittmenge Nutzbarer Information dabei herauskommen und der Rest ist eine Frage des Glaubens.

Ich habe schon viel ausprobiert - Low Carb, Low Fat, Vegetraiertum, Paleo, Felxitariertum (was neudeutsch ist für: Weniger Fleisch essen, aber klingt vermutlich cooler;-) und und und - zu jedem einzelnen Suchbegriff kann man sich im Internet inzwischen geühlte 10.000 Artikel ansehen, die das bestehende Konzept verteidigen oder verdammen. Für jede Studie, die etwas als gesund herausstellt, gibt es 5, die das Gegenteil behaupten und umgekehrt. Davon bleibt kein einziges Lebensmittel verschont - Milchprodukte machen fett, oder sind lebensnotwendig für die Knochen, Rohkost macht Athrose, oder ist der perfekte Schlankmacher, Weizenprodukte machen Allergien, oder helfen dem Energiestoffwechsel, Fleisch macht Herzprobleme, oder hilft beim Muskelaufbau und und und und...

Hier kommt die Glaubensfrage ins Spiel: Natürlich kann ich mich dazu entscheiden immer nur eine Seite der Medaille zu betrachten, aber dann sind wir in den Spähren von Theologie angekommen und so verhalten sich leider auch viele Food-Fundamentalisten. Irgendwann ging es mal um Wissenschaft, aber inzwischen geht es scheinbar mehr um Egos.

Und historisch betrachtet, kommt noch eine andere Erkenntnis hinzu: Jedes dieser Ernährungskonzepte ist ein absolutes Luxusproblem!
Und sich darüber zu streiten eine fast unerträgliche Ignoranz der Tatsache, dass heutzutage immer noch große Teile der Weltbevölkerung essen müssen, was sie kriegen können, um überhaupt zu überleben. Statt sich also über Milch und Gemüse die Köpfe einzuschlagen, sollten wir eigentlich jeden Tag dem Schicksal unserer Geburt auf Knien dafür danken, dass das tatsächlich unsere wichtigstesn "Probleme" sind!
Wir können es uns leisten über Veggie-Days zu streiten, aber das heißt noch lange nicht, dass das deswegen ein gewinnbringender Einsatz unserer Zeit und Energie ist.

Was will ich mit dieser ellenlangen Vorrede jetzt aber sagen?
Eigentlich nur dieses eine: Ich habe schon vieles ausprobiert, mich über vieles geärgert und das allermeiste nach einer Weile wieder verworfen, weil mir ein Aspekt in allen "Plänen", "Konzepten" und "Diäten" (im englischen Sinn) immer zu kurz kam: Das Selbst.
Selbst-Wahrnehmung, Selbst-Vertrauen, Selbst-Bestimmung - kurzum die reflektierte und überlegte Wahrnehmung dessen was mein Körper braucht, will und für gut befindet.
Statt feste Essenpläne auszugeben, sollten sich also Ernährungs"experten" meiner unbedeutenden Meinung nach zunächst mal darauf konzentrieren den Menschen wieder beizubringen, was Selbstwahrnehmung ist!
Wir sind einer der ersten Generationen, die nie Hunger oder Mangel erleben musste - auch dafür müssten wir eigentlich jeden Tag auf den Knien liegen - nur hat man es versäumt uns beizubringen, dass wir nicht alles haben müssen, nur weil wir es haben können.

Der treffende Satz aus dem am Anfang erwähnten Artikel ist für mich daher: "Ich höre jetzt auf, gegen mich selbst zu kämpfen."
Das ist auch meine Erkenntnis aus 10 Jahren Probieren, Testen und Verwerfen: Ich will nicht gegen mich kämpfen, ich will mich nicht quälen und ich will mir auch nicht bis ans Ende meiner Tage irgendwas verbieten.
"Achtsamkeit" im buddhistischen Sinne hilft dabei. Wer bewußt isst, hört damit auf, wenn er satt ist - und nicht erst wenn nichts mehr da ist. Keine Argumente wie "aber ist grad so lecker" oder "das muss noch weg", nein, unser Körper sagt "ich habe genug" und mit genügend Selbstwahrnehmung  hören wir auch darauf.
Selbstvertrauen - Vertrauen in den eigenen Organismus -  hilft dann dabei auch mal zu sagen "Wenn ich jetzt Steak will, esse ich eben eins" - vielleicht braucht man grade die Proteine. An anderen Tagen gibt man dann eben dem Salat-Hunger nach - gerade im Sommer kommt der bei mir schonmal öfter vor.;-)
Was immer man tut, man sollte es bewußt tun, dann braucht man vielleicht auch niemanden mehr, der einem erklärt, dass Gemüse gesünder ist als Fast Food.

Und wen es interessiert, unsere Gesundheit hat von der "Umstellung ohne Umstellung" schon sehr profitiert. Wir essen alles worauf wir Lust haben - und das ist erstaunlich oft Gemüse, Obst und Vollkorn - nur eben nur soviel, bis wir satt sind und nicht darüber hinaus. Da muss schonmal ein "Reste-Essen Tag" her, denn manchmal ist es schwer so passend zu kochen, aber was lecker ist, schmeckt am nächsten Tag meistens auch nochmal gut!:-)
Es gibt auch mal Ausnahmen, aber Ernährung ist ja auch nicht der 1 Tage im Monat, an dem man mal grillt, oder zum Geburtstag eingeladen ist, sondern die "Alltage" dazwischen. Bei mir hat das in 1 Monat schon 2cm Bauchumfang gefressen - ein bißchen Bewegung muss auch noch, aber da sind wir wirklich moderat, mehr als 2-3Stunden in der Woche + Gartenarbeit hab' ich dazu keine Lust;-) - und was noch wichtiger ist: Von Tag 1 an habe ich mich besser gefühlt!
Weniger vollgestopft, weniger schwer und vor allem weniger fremdbestimmt und weniger Schuldbeladen!

Natürlich gelingt das anderen Menschen auf andere Weise, ohne Fleisch, ohne Brot, ohne Milch, wie auch immer. Das ist völlig ok, solange sie und ihr Körper damit glücklich sind. Ich war nur nie mit irgendeinem Konzept wirklich glücklich, auch das ist eine Selbst-Erkenntnis, denn was immer wir tun, wir sollten es lassen, wenn es uns nicht glücklich macht!:-)
Essen ist Lebensfreude, das sollten sich so eingige Experten auch mal hinter die Ohren schreiben!

Soviel zum Wort vom Sonntag, Kommentare wie immer unten und Hatemail bitte unversendet löschen, wenn ihr nicht meine und eure Zeit verschwenden wollt!;-)

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