18.12.2012

Die Sache mit der Zielgruppe Teil II

Ich habe es ja schon einmal gesagt und ich sage es wieder: Wie man mit Zielgruppen umgeht, hat viel mit der Frage zu tun, warum man eigentlich schreibt.

Die Antworten auf diese Frage(n) mögen sehr unterschiedlich sein, aber in meiner Erfahrung lässt sich die Sache mit den Zielgruppen immer früher oder später auf die Entscheidung zusammenkochen inwieweit ich zu Konsessionen an eine diffuse Lesergruppe oder seltsame Annahmen bezüglich einer solchen bereit bin.

Eine interessante Auseinandersetzung zu diesem Thema habe ich gerade gestern in Judith's Blog aufgeschnappt, die sich ihrerseits auf eine veröffentlichte Leserbriefantwort von Scott Lynch bezog. Ich empehle sehr sich das englische Original mal zur Gänze zu Gemüte zu führen, denn hier werden gleich mehrere "Worst-Case-Leser" Szenarien kombiniert - und die Antwort "If you don't like it,  fuck off and write your own book!" hat auch viel Schönes !;-)
Der auch bei Judith verlinkte Blogartikel geht noch einmal genauer auf die Behauptung "weibliche Helden in Fantasy sind unrealistisch" ein, aber mir persönlich ist ein ganz anderer Punkt viel saurer aufgestoßen (vielleicht auch, weil man fast schon hinnimmt, dass Menschen, die solche Leserbriefe schreiben sich vorher nicht die Mühe machen zu recherchieren...):

Zitat:
I do not expect to change your mind but i hope that you will at least consider that I and others will not be buying your work because of these issues. I have been reading science fiction and fantasy for years and i know that I speak for a great many people. I hope you might stop to think about the sales you will lose because you want to bring your political corectness and foul language into fantasy. if we wanted those things we could go to the movies. Think about this!

Zwei Dinge stören mich an diesem Abschluss extrems:
1. Woher weiß ich und woher weiß er, das er tatsächlich für "viele Menschen" spricht? Warum sollte mich diese unbewiesene Aussage in irgendeiner Form jucken?
2. Das Argument "sie verkaufen ja dann auch viel weniger Bücher"!

Ich finde es prinzipiell nett, dass sich der Autor an dieser Stelle die Mühe macht darauf hinzuweisen, dass innerhalb seiner erdachten Welt die angeprangerten "unrealistischen" weiblichen Seefahrer völlig logisch sind, da sich sein Universum in einigen essentiellen Punkten von der Realwelt unterscheidet.
Man mag sich an dieser Stelle fragen warum weibliche Piraten sich den Vorwurf gefallen lassen müssen nur ein Produkt der "political correctness" zu sein, während kein Kleinwüchsigenverband sich über Hobbits beschwert - aber vielleicht haben die das Konzept Fantasy einfach besser verstanden...

Ich bin nicht sicher, ob ich mir in derselben Situation diese Zeit genommen hätte, denn mit dem Schlussargument "wenn sie das nicht ändern, werde ich (werden wir) ihre Bücher nicht mehr kaufen", wäre für mich die Debatte eigentlich abgeschlossen gewesen und meine Antwort hätte sich auf ca. 2Sätze beschränkt:
Warum glaubst du, dass mich das interessiert?
und
Schönes Leben noch!

Ich bin was Kommentare dieser Qualität angeht, allerdings auch etwas vorbelastet von meinem ersten Kontakt mit einer "Lektorin" (Jeder, der die Story schon kennt, möge sie gerne überspringen!;-) - besagte Frau war nach der ersten Lektüre des Rosenfriedhofs der Meinung ich sollte doch nicht soviele meiner Hauptfiguren "umbringen", da die Zielgruppe für "Romantische Romane" das vielleicht zu brutal finden könnte.
Vergeblich habe ich darauf hingewiesen, dass es für den zentralen Plotpoint "Wiedergeburt" irgendwie notwendig ist, dass zuerstmal ziemlich viele bis alle Personen sterben und es ziemlich langweilig wäre, wenn das immer erst nach einem glücklich-erfüllten Leben mit 90 passiert...
Die Diskussion zog sich also hin, bis zu dem Totschlagargument "Na wenn Sie das so lassen, werden Sie aber nicht viele Leser finden."
Worauf meine Antwort bis heute lautet: Na und?;-)

Man sagt mir ja oft nach ich hätte ein Problem mit "Authoritäten" und die obige Geschichte wäre ein Ausdruck davon, aber ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass ich vielmehr ein Problem mit "Sinn- und Respektlosigkeit" habe (und es nur ein dummer Zufall ist, dass diese beiden so oft von Authoritäten ausgehen;-).

Ich empfinde es als hochgradig sinnlos - und im Fall des völlig unreflektierten, unbewiesenen und unbelegbaren Leserbriefes oben übrigens auch respektlos - eine Geschichte in ihren Grundfesten anzuzweifeln, nur weil eine willkürlich definierte Zielgruppe "im Normalfall" nicht darauf gepolt ist.

Wie sähe denn das Fantasy-Genre aus, wenn alle Geschichten so wären, wie sich der nette Briefeschreiber das scheinbar vorstellt? Eine um die andere Geschichte, in der der männliche, weiße, heterosexuelle Held eine hilflose, weiße, heterosexuelle Frau retten muss und das Ganze dan garniert mit ein paar Elfen und Zwergen?

Also wenn das meine anerkannte Aufgabe wäre, um meine sogenannte Zielgruppe glücklich zu machen, würde ich lieber ganz aufhören zu Schreiben!

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