03.09.2012

The Wind Done Gone. Oder: There are two sides of every story?

Kundenbewertungen haben mit Sicherheit ihre Daseins-Berechtigung - wenn ich z.B. ein neues Haushaltsgerät kaufen möchte, lese ich mir vorher immer gerne ein paar Benutzerkommentare durch, um zu den Basis-Details noch ein paar Praxiserfahrungen zu bekommen.
Was Bücher, Filme, Musik oder Kunst angeht, verfahre ich allerdings genau anders herum und vermeide Kundenrezensionen eigentlich grundsätzlich. Warum? Weil es ein langjähriger Erfahrungswert ist, dass diese Meinungen von anderen Menschen mich im besten Fall in keinster Weise weiterbringen und ich mich im schlimmsten Fall noch über völlig unreflektierte "ich fand's halt doof" Nulpen ärgern muss.

Ich bin daher ganz dankbar, dass ich trotz sehr durchwachsener Rezensionen The Wind Done Gone von Alice Randall zum Geburtstag bekommen habe - eine, wie es auf dem Cover heißt, "unautorisierte Parodie" eines großartigen Buches!


Ich reagiere immer ein wenig allergisch, wenn ich erwähne, dass ich Gone with the Wind für ein geniales Buch halte, und mir dann die Reaktion entgegen schlägt: "Hab' ich nicht gelesen, aber der Film ist..."
Dabei ist es mir eigentlich auch egal, ob man in diesem Fall den Film mochte oder nicht - der Film ist nicht das Buch! Eigentlich ist er das ungefähre Gegenteil, denn wo das Buch Charaktere quasi zwischen den Zeilen entwirft, das "von Hölzchen zu Stöckchen erzählen" zur Kunstform erhebt ohne jemals langweilig zu werden und die Missverständlichkeiten menschlicher Interaktion so auf die Spitze treibt, dass man als Leser gerne vor Frust laut schreien möchte...hat der Film ein paar große Kulissen und ein paar Dialoge aus dem Zusammenhang gerissen.
Für seine Zeit mag das trotzdem großes Kino sein, aber der Vorlage gerecht wird das nicht. Bisher kommt in meinen Augen eigentlich nur die authorisierte Fortsetzung ein wenig an der Original heran, auch wenn dem Stil die allerletzte Brillianz ein wenig fehlt (hier wird es dann doch ab und zu etwas lang(weilig);).

Als Historiker möchte ich aber außer dem "Handwerklichen" noch den Kontextuellen Zusammenhang herausstellen, denn hier schließt die "Parodie" nahtlos an. Was Gone with the Wind tut - und das ziemlich kontrovers diskutiert - ist eine Gegenwelt zur "Geschichte der Sieger" zu entwerfen. Viele hielten und halten das heute noch für politisch inkorrekt, da es sich erdreißtet anzudeuten, dass nicht alle Sklavenhalter Monster waren und - noch schlimmer - dass die Sklavenbefreiung auch negative Seiten hatte. Im Zeitalter der Meinungsfreiheit sollte das eigentlich eine Sichtweise sein, der man ihre Lebensberechtigung einräumen kann, ohne gleich wieder den Niedergang des Abendlandes zu provozieren, aber was übrig bleibt, ist leider meistens nur: "Margaret Mitchell war für den Kuklux-Klan."
Mal ganz abgesehen von der unverzeihlichen Gleichsetzung von Author und Werk, die aus diesem Sentiment tropft, ist die Welt - auch die fiktionale - selten so einfach gestrickt, wie das kultivierte Vorurteil.

The Wind Done Gone entwirft daher quasi eine Gegenwelt zur Gegenwelt, rollt das Original einmal auf den Bauch und liefert die "Backstage"-Perspektive der Dienstboten Quartiere. Und wie es Backstage-Bereiche so an sich haben, wird hier in vielen dunklen Winkeln abgestellter Abfall aufgetürmt.;-)
Ich will diese Metapher mal nicht weiter strapazieren, aber wer keine gesunde Distanz zu seinen Kindheitshelden aufbauen kann, sollte hier wohl besser nicht reinlesen - und wer beim Lesen nicht zuviel Denken müssen möchte, sollte das Buch wohl auch besser im Laden lassen (meine beiden Theorien für die schlechten Rezis;). 

Was mir nicht so gut gefiel: In diesem "Zerrspiegel Realismus" bekommt wirklich jede der Originalfiguren ihr Fett weg und was übrig bleibt, ist manchmal mehr und meistens weniger ansprechend als vorher. Manche Umdeutungen ergeben sich dabei aus dem Interpretationspotential des Originals, manche aber auch nicht - gerade Letztere waren mir dann irgendwann etwas too much. Man kann ja anmerken, dass nicht alles rosig ist, aber deswegen muss ja auch nicht gleich alles verdorben sein!;-) Vieles bleibt allerdings auch im Dunklen, da der Tagebuch-"Ich weiß ja was ich meine"-Stil teilweise recht kryptisch bleibt und man wesentlich mehr Denk-/Interpretationsleistung vorlegen muss, als das bei typischer Bettlektüre verlangt wird. Das macht es manchmal ein wenig anstrengend der Handlung zu folgen, was aber evt. auch an meiner völligen Unkenntnis afro-amerikanischen Slangs liegen mag...

Was mit gut gefiel: Auch wenn es manchmal anstrengend ist, ich mag Bücher, bei denen man mitdenken muss und ich kann damit Leben, dass ich als Leser nicht alles erfahre, das ich gern wissen möchte! Die zentralen Beziehungen des Buches sind vielschichtig und interessant gestaltet - es ist fast ein wenig schade, dass sich die Handlung erst im letzten Fünftel von der Kulisse der Vorlage entfernt und eine "eigene" Geschichte entwickelt. Diese Abnabelung hätte für mich schon früher passieren dürfen, denn was "nachkommt" ist nicht weniger spannend!:-)

Wenn man davon ausgeht, dass das Original 5 und die Forsetzung 4,5 Sonnenschirme bekommen, muss man hier also mindestens 4 von 5 Brennscheren vergeben!:-)

Kommentare:

tine hat gesagt…

Na das freut mich jetzt aber, dass dir das Buch gefallen hat :)
Wir müssen demnächst nochmal telefonieren, da werd ich dir dann ein paar mehr Details über den Inhalt aus den Rippen leihern :D

^Ela^ hat gesagt…

Ich kann das versuchen, aber ich glaube tatsächlich, dass dir das Buch auch sehr gefallen würde - das wäre eine noch viel bessere Basis für "Fictional Gossip"!;-)

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