10.07.2012

Mein Freund die Kommunikation

Normalerweise befinden sich Hirn und Blog zu dieser Jahreszeit schon tief im Sommer-Motivations-Loch. Der Sommer in diesem Jahr spielt allerdings eher Gegenteil-Tag: Räume ich meine Winterschuhe weg und hole die Sandalen raus, fallen die Temperaturen unter 20°, sind alle meine T-Shirts gerade in der Wäsche klettert das Thermometer über 30°, kratze ich daraufhin Geld zusammen, um mal wieder 5kg Haare loszuwerden, zeigt der Wetterbericht wieder auf Herbst...da soll man jetzt schlau draus werden!;-)

Abgesehen von der leichten Kreislaufbeeinträchtigung durch dieses Achterbahnwetter, wirkt sich aber das durchwachsene Wetter durchaus positiv auf Allergie und allgemeines Wohlbefinden aus, weswegen ich es in diesem Sommersemester tatsächlich mal auf 3 Soft-Skill Kurse an der RWTH gebracht habe - auch wenn das Projekt Dissertation gerade ziemlich auf Eis liegt, kann man so zumindest noch einen soliden Nutzen aus dem Semesterbeitrag ziehen!

Der letzte und gleichzeitig interessanteste dieser Kurse "International Communication"  in der letzten Woche, hat mich wieder mal daran erinnert, dass die reflektierte Kommunikation tatsächlich noch viel schwieriger ist, als selbst ich mir das bisher vorgestellt hatte...;-)
 Prinzipiell habe ich aber gelernt, dass in der internationalen Kommunikation, wie sonst überall auch, ein gut ausgewogener Mechanismus der Selbstreflektion unabdingbar ist, um zu verstehen, wie andere Menschen so ticken - und das kann schonmal ziemlich abstrus werden!

So haben wir zum Beispiel gelernt, dass "der Deutsche an sich" einen sehr relaxten Bezug zur Höflichkeit hat: "Der Chef kommt Montag vorbei, bitte schaut darauf, dass eure Präsentationen fertig sind und alles ordentlich aussieht!" vorgetragen in einer moderaten, bis freundlichen Stimmlage gillt hier als völlig angepasst höflich.
Der "generische Brite" findet das aber scheinbar überhaupt nicht - bei ihm klingt dieselbe Ansage so: "Der Chef kommt Montag vorbei, vielleicht sollten wir alle uns einen kurzen Moment Zeit nehmen nochmal alles in Ordnung zu bringen?"

Diese Unterschiede im Bezug auf die Definition von Höflichkeit sind der Grund für die "typisch" britischen Floskeln "Thank you for not smoking" statt Nicht Rauchen! oder "We are sorry for the inconvenience" statt Außer Betrieb!. Oder, um eine britische Kollegin zu zitieren: Always thank everyone for everything and always apologize as reflex!

Und was das Lustigste ist: Beide Formen Anweisungen zu formulieren, klingen in den jeweils anderen Ohren oft herablassend - der Brite fühlt sich bevormundet, weil ihm die deutsche Ansage suggeriert er müsste jeden Arbeitsschritt erklärt bekommen, während der Deutsche die schwammigen, "über-freundlichen" Floskeln als bemutternt empfindet...ist das nicht ultra-scharf?;-)

Die theoretische Erklärung für diese kulturellen Unterschiede ist übrigens angeblich das "Cultural Sandwich" - es gibt "meat-driven" und "sandwich-building" Verhaltensweisen, also Kulturkreise, die gerne schnell, sachlich zum Punkt kommen und jene, denen die Aufrechterhaltung von Harmonie und Beziehungsgeflecht wichtiger ist und die daher viel mehr Worte (=Zeit) in "Brot und Beilage" investieren.
Auf der psychologischen Ebene erklärt man das mit dem Detachment bzw. Attachment von Person und Sache - je weniger ich zwischen meiner Person und meiner Rolle als Mitarbeiter unterscheide, desto weniger bin ich in der Lage sachliche Kritik oder direkte Aufforderungen unabhängig von Kritik an meiner Person zu sehen.

Und wenn dann noch ein kulturell starker Ehrencodex bzw. eine hohe Hierarchieabhängigkeit dazukommt, treibt das (aus unserer Sicht) ziemlich abstruse Blüten...
Die Anweisung von oben würde daher von einem "Klischee-Japaner" so formuliert: "Da wir Tanaka-san lange nicht gesehen haben, würden wir wünschen, dass er den bestmöglichen Eindruck von uns erhält, wenn er uns das nächste Mal besucht."

Je höher persönliches Attachment, Sandwich Building und Ehrencodex/Hierarchiebedürfnis in einer Kultur also sind, desto mehr bezeichnet man sie als "High-Context" Kultur. In der Anweisung oben muss man genau wissen a) wer ist Tanaka-san? b) was ist zu tun, damit er einen guten Eindruck bekommt? Was will er sehen, wen will er sprechen, worauf legt er Wert? und c) Wieviel Zeit bleibt uns noch, um uns vorzubereiten? Wann sagt uns unser Chef normalerweise Bescheid?...
Für jemanden, der "Low-Context" Kommunikation gewöhnt ist - wie ich;) - ist das fast unentzifferbar.
Und das war noch nicht das schlimmste Beispiel!;-)

Natürlich gibt es jede erdenkliche Grauzone in diesem Modell - der generische Brite wären zum Beispiel ein "Middle Context" Mensch, was aber trotzdem bedeutet, dass 90% aller deutschen Austauschstudenten bei einer typischen Hausaufgaben-Anweisung, wie der hier "If you have some spare time over the weekend, you might want to look more closely at chapters 1-3, as they are specifically linked to our problem!" aufgeschmissen wären!;-)



Aber keine schöne Theorie wäre ja perfekt ohne ein ABER - und das liegt für mich in den ständigen "", die ich hier gebrauchen musste...Wer ist denn wirklich "generisch irgendwas"?
Ich denke wie immer in den Gesellschaftswissenschaften, stößt man bei indivdueller Persönlichkeitsentwicklung an seine Grenzen.
In dem Low/High Context Modell wird das schon aufgegriffen, indem darauf hingewiesen wird, dass wir auch familiär, beruflich, religiös und und und auf eine gewisse Ausrichtung geprägt worden sein könnten...aber hilft das dann wirklich noch, um allgemeingültige Aussagen zu treffen?

Wie immer bleibt es also meiner Meinung nach dabei: Wer sich für Menschen interessiert und sich selbst reflektieren kann, kann ein guter Kommunikator werden...und wenn nicht, hilft einem auch kein kulturelles Fleischbrötchen weiter!;-)

Kommentare:

Thomas Michalski hat gesagt…

Danke für den schönen und informativen Beitrag!
Das ist ein Thema, von dem ich auch selten genug bekommen kann :)
Auch recht schön dazu fand ich, was im Blog "USA erklärt" mal zu einem überschneidenden Themenfeld geschrieben stand: Warum Amerikaner (Briten, Kanadier) nicht sagen was sie meinen.

Ich bin da ja ohnehin insofern völlig schmerzbefreit, als dass ich in der Eifel großgeworden bin, einer Region, die vieles bietet, aber sicherlich nicht eine übertriebene Sorge um höflichen oder sanftmütigen Umgang.
Und wo man erwarten würde, dass jemand fragen könnte: "Sag mal, geht es dir nicht gut? Du siehst krank aus. Brauchst du etwas?", so ist es der Eifler, der daraufhin etwas sagen wird wie: "Näh, wat siehs' du äwer ans schläert uss!"
("Nein, was siehst du aber auch schlecht aus!")
Das ist dann auch genau das, was man hören will, wenn man gerade froh ist, langsam einer Grippe zu entsteigen oder so ;)


Viele Grüße,
Thomas

^Ela^ hat gesagt…

Ja, ich denke auch manchmal könnte die deutsche Kultur bei aller Vorliebe, die ich für das klare formulieren hege, ein wenig mehr Beziehungspflege enthalten!;-)

Das andere Extrem von amerikanischer Floskelei finde ich aber auch irgendwie unsymphatisch - dieser ständige, aber völlig oberflächliche Überschwang wirkt auf Fleisch-Fixierte (ich liieeebe diese Methaper, merkt man das??;) schnell aufgesetzt und peinlich...

Mein liebstes Beispiel aus dem Kurs war aber eine Email von einem indischen Zulieferer an einen schwedischen Projektleiter:

Der Inder schreibt (aus dem blauen Heraus, ohne vorherige Kommunikation):

We regret your nervousness about the delay in delivery. It will be no problem to deliver soon!
Our trusted partner has ample exirience in co-operation with international partners.

Was er meint, ist:

We can not delivier. Our sub-contractor is not able to help. Please advise!!!

Der arme Schwede!;-)

tine hat gesagt…

Damit ist klar, dass ich wohl niemals nach Indien ziehen und dort überleben könnte. Oder wie ich es fortan nennen werde: Gegenteil-Tag-Land.

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