07.12.2011

Selbstverlag für Hörbücher? (vorsicht lang!)

Es mag einigen Langzeit-Blog-Lesern nicht entgangen sein, dass ich mehrere Blogs und Seiten von Mit-Kreativen verfolge, unter anderem die Sinnstifter Seite unter Regie von Thomas, auf der auch meine Veröffentlichungen zu finden sind, den Blog aus derselben Tastatur, die Schreibhandwerker (mein Co-Operations Blog mit Tine) und wiederum den Blog aus derselben Quelle, sowie den durchaus lesenswerten Blog von Neil Gaiman (bei dem man sich fragen muss, wie er überhaupt noch Bücher schreibt, wenn er die ganze Zeit mit bloggen beschäftigt ist;).

Was haben alle diese Seiten gemeinsam? Sie beschäftigen sich mit Schreiben und dem kreativen Prozess, Handwerkszeug und Methodologie, aber eben auch mit der immer wieder entscheidenden Frage: Wie bringe ich meine Arbeit an ein Publikum, will ich das überhaupt und wenn ja, wie vermeide ich es, dass mir mein geistiges Eigentum entfremdet wird?
Bei den Sinnstiftern geht das Bekenntnis dazu ganz klar in Richtung Selbstverlag - und das nicht (nur;) aus dem Grund, dass es bisher keiner von uns "geschafft" hat und mit seiner Schreiberei bei einem großen Verlag reich geworden ist, sondern auch und vor allem aus Überzeugung!

Leider herrscht immer noch das Vorurteil vor, dass Verlagsarbeit furchtbar professionell ist und Selbstverlag nur kleine Hausfrauen betreiben, die ihr schlunzig formatiertes Amateur-Kochbuch für ihren Nähzirkel gedruckt haben wollen. Diese Art von Herablassung und Vorurteil macht mich manchmal sehr wütend, denn zu einen kenne ich genug Menschen, die bei großen, namhaften Verlagen angestellt sind/waren und die mir immer wieder bestätigen, was da teilweise aus Zeitdruck, Sparmaßnahmen oder schlichtem Desinteresse ála "Die Leute kaufen alles wo der Name von dem Autor draufsteht, da muss der Text nicht überall logisch, oder das Layout/die Grammatik/die Rechtschreibung nicht perfekt sein" an unsauberer Arbeit abgeliefert wird.
Und zum anderen weiß ich aus eigener Erfahrung wie viele Arbeitsstunden ich in meine BoD Projekte investiert habe nachdem der eigentliche Textblock schon fertig war! Nicht nur, dass alle meine Texte durch Lektorat und Feinkorrektur meiner talentierten, großartigen, engagierten Beta-Leser laufen, nein, Layout, Cover, Covertext und und und fressen teilweise nochmal 80-100% der eigentlichen "Produktionszeit" des eigentlichen Textes und ich nehme das verdammt ernst und muss mich dafür nicht mit Mütterchen Schmitd und ihrem TimesNewRoman Schriftgröße12 Kochbuch in einen Topf werfen lassen!

Was aber noch wichtiger ist, als die Anerkennung oder Nicht-Anerkennung der Arbeit, die ein BoD macht, ist doch die Frage: Würde ich diese Arbeit Anderen überlassen, wenn morgen Goldmann oder der Hinz&Kunz-Verlag vor der Tür steht?
Ich tue mich schwer mit der Antwort, weil ich wirklich tief im kernigsten Kern meines innersten Ichs ein Problem damit habe Rechte an meinem geistigen Eigentum abzutreten. Warum? Weil große Verlage auf die Sentimentäten des Autors meist völlig sch*****. Da wird dann der Titel geändert, weil grade 2-Wort oder 1-Wort Titel "in" sind, oder man muss noch irgendwo "Illuminaten" oder "Vatikan" unterbringen, ob es jetzt passt oder nicht, dann macht man noch ein 0815-Cover drauf, damit die Leute glauben sie kaufen Dan Brown und schon hat man ein Buch vermarktet - Inhalt völlig Wurscht!
Für die bessere Handhabe als Taschenbuch, oder um die Übersetzungskosten niedrig zu halten, streicht man dann gerne auch mal die Handlung um 30-40% zusammen und schiebt dann, weil das grade angesagt ist, noch die Hörbuch Version gesprochen von Gülcan hinterher.

Wie deprimierend solche Erfahrungen für den Autor sein können, las ich letztlich noch auf dem Blog von Neil Gaiman, der eine Autoren-Kollegin fragte, ob er nicht ein Hörbuch zu ihrem Roman machen dürfte. Nach einer kurzen Recherche im Internet musste die arme Autorin feststellen, dass ihr Verlag nicht nur ohne sie überhaupt zu informieren längst ein Hörbuch auf den Markt gebracht hatte - er hatte es außerdem gekürzt und einen ihrer Meinung nach völlig unpassenden Sprecher ausgewählt. Ihr Fazit: "Don't listen to the (novel) audiobook. It might be the worst thing I have ever heard."

Ein Einzelfall? Ich glaube nicht, Tim! Und genau der Grund, warum mir alles, was nicht zu 100% meiner Zustimmung bedarf sehr große Bauchschmerzen macht. Immerhin setzt man sich nicht hin und schreibt aus Jux und Dollerei mal zwischendurch ein Buch. In jeder (guten) Geschichte stecken Blut, Schweiß und Tränen, jeder Autoren-Laptop hat schon Freudenschreie, Frustgeheul und Verzweiflungstränen gesehen - vielleicht sogar alles an einem Tag.;) Und dann soll irgendwer ein furchtbar verstümmeltes, verhunztes Ding daraus machen dürfen, nur weil er mir Geld gibt? No Way!

Wozu aber jetzt dieser ganze schöne Flame-Rant - außer dass Schimpfen ganz doll Spaß macht?;)
In dem verlinkten Blog-Post verweist Neil Gaiman auf ein Projekt, dass er unterstützt und das ich als Hörbuch-Gegenstück der Sinnstifter (Größenwahn lass nach;) empfinde: ACX - Audiobook Creation Exchange.

Dort kann man als Autor, Agent, Verlag oder Sprecher nach interessanten Tipps und Projekten rund um Texte und Hörbücher suchen. Zum einen sollen so ältere Texte ins nächste Jahrhundert gerettet werden, für die es entweder keine Hörbuch Lizenzen mehr gibt, oder diese schon seit der Audio-Kassetten Ära ungenutzt herumliegen - zum anderen soll aber auch Autoren die Chance gegeben werden ihre Texte selber oder mit den von ihnen ausgewählten Sprechern umzusetzen.

Ich finde das Projekt genial, mich hat es total in den Fingern gejuckt sofort die ganzen "Do it yourself" Seiten mit Tipps für die eigene Aufnahme etc. zu durchforsten, aber a) hab' ich leider noch genug andere Projekte, die erstmal Vorrang haben und b) sollte ich für dieses Feature meine Texte wohl erstmal übersetzen (lassen), der englischsprachige Markt hat nicht soviele Nischen für German Audiobooks...

Aber trotzdem eine gute Sache, die auf jeden Fall unterstützt gehört! Jawohl!;)

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