2011-03-10

Deutsch fürs Leben. Oder: 10.000 Zeichen Groll (Vorsicht lang!)

Es passiert heutzutage tatsächlich selten, dass mich ein Buch von meiner Nachtruhe abhält. Mit 10 oder 11 konnte man sich noch schwer von den Helden seiner Kindheit (in meinem Fall Asterix und Winnetou;) losreißen und hat dafür in Kauf genommen nur mit 5 oder 6 Stunden Schlaf zur Schule zu wanken. Heutzutage muss allerdings schon viel zusammenkommen, damit ich meinen wertvollen Schönheitsschlaf opfere. Gestern allerdings wollte ich zum Entspannen nach einem langen Tag noch kurz ein paar Minuten in eines meiner Weihnachtsgeschenke hineinlesen: Deutsch fürs Leben von Wolfgang Schneider
Dieser Versuch einer entspannenden Bettlektüre ging gründlich daneben, denn ich fand das Buch....grauenhaft.

Ich sage das ungern, weil ich natürlich weiß, dass es mir in der Hoffnung geschenkt wurde, dass es mir gefällt, aber ich hoffe auf Vergebung dieser, meiner unversöhnlichen Ablehnung aus 2 Gründen:
1. Habe ich ich ja über das Geschenk an sich und den Gedanken dahinter schon gefreut - und das ändert sich auch nicht mehr!:)
2. Werde ich mir im Folgenden Mühe geben zu begründen, warum es mir nicht möglich war mehr als 50 Seiten zu lesen und danach auch noch mein Nachtschlaf in Eimer war, weil ich mich erstmal furchtbar aufregen musste.

Deutsch fürs Leben. Was die Schule zu lehren vergaß., wie der volle Titel liest, macht sich auf den Deutschen die Liebe zu ihrer Sprache wieder beizubringen. Soweit ist an dieser Absicht nichts auszusetzen, auch wenn ich mich mit Ratgebern zum Schreiben immer sehr schwer tue. Nicht, dass ich nicht denke, dass man einen eigenen Stil entwickeln sollte - ich glaube nur nicht, dass man mir das beibringen kann.

Natürlich gibt es gewisse Grundhandwerksregeln, die man auch beim Texten beachten sollte  - nicht umsonst findet sich eine Rubrik "Schreibtipps" in den Perlen;) - aber den Instinkt, die Inspiration und die Freude am Schreiben kann man nicht erlernen und das ist der Grund warum bei "Schreibratgebern" eigentlich automatisch eine kleine, rote Lampe in meinem Kopf angeht auf der in Großbuchstaben DAGEGEN steht. Damit das jetzt nicht ungemein arrogant klingt, was nicht meine Intention ist, hilft vielleicht ein Gleichniss, dass sich in Anna Karenina findet:
Ein Amateur-Maler, der nach dem theoretischen Studium von Stilen und Techniken zu passablen Ergebnissen gekommen ist, was die Reproduktion großer Werke angeht, führt seine Arbeit einem Künstler vor, der mit der Malerei tatsächlich sein Geld verdient. Dieser ist dadurch sehr unangenehm berührt.
Tolstoij vergleicht dieses unangenehme Gefühl mit dem Unbehagen, dass ein verliebter Mann fühlen muss, wenn ein anderer ihm seine weibliche Wachspuppe vorführt und anfängt vor seinen Augen die Puppe zu liebkosen, wie er seine Frau liebkosen würde.

Diese kleine Geschichte zeigt recht gut, worum es geht - natürlich muss man lernen, wie man den Pinsel hält und die Leinwand zimmert, aber die Inspiration muss von alleine kommen, wenn tatsächlich nicht nur eine schale Imitation dabei herauskommen soll.
(Ich möchte trotzdem erwähnen, dass ich das Buch in der vollen Absicht aufgeschlagen habe, es auch zuende zu lesen, nur damit da nicht der Eindruck geweckt wird, ich hätte schon von Anfang an sämtliche Schalter auf Vernichtung gestellt!;)

Herr Schneider gibt sich mit praktischen Tipps allerdings nicht zufrieden - er stellt Regeln auf, die den Sprachgebrauch verständlicher und gefälliger machen sollen (was er genau darunter versteht, ist mir in den ersten 6 Regeln nicht klar gewoden). In der Einleitung bezieht er sich dabei noch auf Redakteure, Journalisten und Nachrichtensprecher, aber seine Überzeugung, dass diese, seine Überzeugungen eigentlich jedem Schüler vermittelt werden sollten, ergeben einen Universalanspruch, der hoffentlich meine Einwände noch unterstreicht:

1. Kürze heißt Kraft (S. 40). Das ist das Kredo der ersten Regelsätze und heißt nicht anderes, als das jeder geschriebene Satz von seinem unnötigen Balast befreit werden muss. Adjektive zum Beispiel sind zu vermeiden (Faustregel: 2 von 3 streichen - S. 31), bei zwei synonymen Worten ist das silbenärmere zu verwenden und überhaupt sollten sowenig Worte wie möglich verwendet werden.

Für einen Nachrichtentext der dpa mag das ja ein guter Hinweis sein und sicherlich sollten man einen Text auch nicht mit gespreizten Formulierungen und Adjektiven überladen - aber die extreme Konsequenz, die hier in den präsentierten Beispielen verfolgt wird, würde jeden erzählenden Text (und auch die meisten wissenschafltichen) auf ein absurdes Gerüst zusammenschrumpfen.
So wird in den Rubriken "Geblähte Floskeln" und "Gequälte Schein-Aussagen" (S. 26ff.) gelehrt Formulierungen wie "Zu diesem Zeitpunkt" unbedingt mit "Jetzt" zu ersetzen, oder Sätze wie "In der Mitte der Stadt lädt ein großer Park zum Verweilen ein." durch die verständlichere, gefälligere Version "In der Stadtmitte liegt ein großer Park." zu ersetzen.

Nicht nur fallen mir spontan mindestens 20 literarische Situationen und Textabläufe ein, in denen diese Regeln nur zu unnötigen Wortwiederholungen oder abgehaktem Hauptsatzsalat führen würden. Was noch schlimmer ist, ich empfinde es außerdem als paradox und fast schon beleidigend, dass mir der Gebrauch von Formulierungen wie "schwere Verwüstungen" verboten wird (S. 31), weil eine Verwüstung ja wohl offensichtlich schwer sei (die Unmöglichkeit nach dieser Regel Differenzierungen auszudrücken, lassen wir mal außen vor), aber der Autor sich herausnimmt geblähte Floskeln einzuführen. Wer sich an seine eigenen Regeln nicht halten will, sollte keine aufstellen.

2. Stillehre hat scheinbar nichts mit Stilmitteln zu tun. In diesem Kontext verteufelt Deutsch fürs Leben vor allem a) zusammengezogene Substantive (z.B. Frustrationstoleranz;) und konstruierte Adjektive (das Beispiel ist hier gleichverteilungsunfähig - S. 31) und b) Fremdworte und Fachausdrücke. Es sei - so der Autor - eine Erbsünde der deutschen Sprache, dass man von Pankreas reden muss, wenn man auch das gute deutsche Wort Bauchspeicheldrüse verwenden kann (S. 33). Diese Art von Fachausdrücken diene also nur dem Zweck den Laien zu verunsichern und ihn vom Verständnis des Textes auszuschließen - wie ja scheinbar  überhaupt alle Formulierungen, die sich nicht auf Subjekt-Prädikat-Objekt beschränken ja nur unnötige Steine in den Weg der Verständigung legen.

Mit diesen beiden Maximen verstößt der Autor gegen die wichtigste Regel des Textens überhaupt: Es kommt darauf an! Natürlich mag das Beispiel des Fußballtrainers, der seinen Spielern rät "die Impulse im Bereich der vorwärtsgerichteten Bewegung zu verstärken" besser daran täte einfach ein "Lauf nach vorn!" über den Platz zu brüllen. Diese Situation ist aber nur eine von vielen möglichen Situationen, die den Gebrauch von Sprache ausmachen.
Wie würde denn ein wissenschaftlicher Text aufgenommen, der sich dieser Art von Kindergartensprache bedient? Sicher, ein paar Bildzeitungskonsumenten (ohhh böses zusammegesetztes Substantiv und dann auch noch eingeklammert) werden sich davon vielleicht weniger eingeschüchtert fühlen, wenn sie denn überhaupt auf die Idee kämen sich für das Thema eines noch so simpel geschriebenen Essays zu interessieren.

Und dann wäre da noch die Tatsache, dass es gillt den Fachjargon zu zerschlagen und ausgelutschte, schwammige Worte wie Ebene oder Sektor zu vermeiden - also Verwaltung statt administrativer Bereich (S. 27). Andererseits finden sich ein paar Seiten später Formulierungen, wie diese hier im Bereich "Schlechte Verben": Wer refelktieren, sensibilisieren, instrumentalisieren schreibt, teilt vor allem mit, daß er sich dem akademisch-bürokratischen Komplex zugehlrig fühlt. (S. 54)
Entschuldigung? Akademisch-bürokratisch? Komplex??? Selbst wenn man von der völlig absurden Ablehnung sämtlicher ungermanischen Wortstämme mal ganz absieht, finde ich es interessant, wie man innerhalb von 30 Seiten seine eben aufgestellten Maxime (ohhh böses lateinisches Wort) schon wieder vergessen kann.

Aber  noch viel schlimmer finde ich es, dass ein Buch, dass sich die Reichhaltigkeit der deutschen Sprache aufs Cover schreibt, mal eben die Hälfte unseres Wortschatzes und die Wandlungsfähigkeit und Kombinationsmöglichkeiten eben jener Sprache radikal ablehnt.
Wir sagen also "jener Person, die die Prinzipien der Gleichverteilung nicht zu verstehen im Stande ist" statt gleichverteilungsunfähig - wenn das Stil ist, möchte ich keinen haben!

3. Last but not least möchte ich euch noch das Beispiel vorführen, das mich kurzfristig mit Gedanken spielen ließ dem Autoren eine Briefbombe zu schicken. Wir sprechen von der Vermeidung von Modewörtern und der neugefundenen Schlichtheit (auch das noch ein Beispiel gegen den Fachjargon, aber so unglaublich, dass es einen eigenen Punkt verdient hat;).
Da lesen wir auf Seite 38 unter "Modewörter vermeiden", dass das sogenannte Modewort (doppeltes Substantiv) optimal heutzutage in einer völlig verfremdeten Bedeutung verwendet wird. Semantisch müsste man es benutzen als "unter den gegebenen Umständen bestmögliches Ergebnis", die populäre Benutzung heutzutage setzt es aber "maximal mögliches/bestes Ergebnis" ein.

Die Rückkehr zur sprachlichen Richtigkeit wird also ganz klar gefordert und an sich hätte mich das nicht weiter interessiert, wenn nicht...ja wenn wir nicht auf Seite 33/34 lesen würden, dass Popularität ein wichtiger Faktor zur Verständigung ist: Redakteure haben beispielsweise Angst, an die Stelle des amtlichen Wortes Niederlande das deutsche Wort Holland zu setzen. [...] In beiden Sprachen also ist Holland das populärere Wort, und wenn deutsche Zeitungen trotzdem noch von den <<Niederlanden>> sprechen, erfüllen sie ein bürokratisches Übersoll. [...] Es hat jedem Volk egal zu sein, wie es in jeder anderen Sprache heißt.

Mal abgesehen vom "bürokratischen Übersoll", das dem Autor bestimmt nur aus Versehen herausgerutscht ist, ist diese Aussage so absolut hahnebüchen, dass es schon unfassbar ist. Während also "optimal" nicht populär benutzt werden sollte, weil es sprachlich falsch ist, darf und soll die inhaltlich falsche Bezeichnung Holland von öffentlichen Medien verbreitet werden, weil es die Volksstimme so macht?!?

Vielleicht ist das ja ein wunder Punkt für mich, da sich meine Doktorarbeit leider mit diesem Kulturkreis beschäftigt und ich seit Monaten mit den Bezeichnungen Holland, Zeeland, spanische Niederlande, Republik Niederlande, südliche und habsburgische Niederlande hantiere, um Missverständnisse zu vermeiden. Und da soll es ein Argument sein, dass der Slogan "Käse aus Holland" ja schließlich auch aus den Niederlanden kommt? Kann das nicht damit zu tun haben, dass besagter Käse vielleicht tatsächlich aus der Provinz Holland kommt?

Inhalt und Kontext dürfen also ruhig vor die klischeehaften Hunde gehen, aber Hauptsache die Semantik stimmt? Und da soll man jetzt als Mensch, der nicht (nur) Sprache, sondern TEXTE liebt keine Erstickungsanfälle bekommen.
Und übrigens, nein Herr Schneider, auch wenn es das vielleicht sollte, wäre es mir Mitnichten egal, wenn Fox News anfangen würde Bayern synonym für Deutschland zu verwenden, weil ja eh jeder weiß, dass alle Deutschen Gamsbarthüte und Lederhosen tragen. Ich bin überzeugt unpatriotisch in meinem Sprachgebrauch und verwende ungermanische Fremdworte, und auch ansonsten möchte ich nicht mit einem Bayern verwechselt werden, vielen Dank!

Zusammenfassend habe ich mir die Mühe gemacht den schlussendlichen Beweis anzutreten, dass Deutsch fürs Leben leider nicht für Kinder und überhaupt alle Menschen geeignet ist, die mit Sprache noch etwas anderes tun wollen als Slogans ala "Wir sind das Volk.", "Die Mauer muß weg." oder "Nicht sauber, sondern rein."  zu entwickeln.
Hier die einleitende Passage meiner neuen Kurzgeschichte "Therapiesitzung":
An diesem kalten, grauen, unbedeutenden Morgen hetzte ich, wieder einmal viel zu spät, die nassen Stufen der U-Bahnstation hinunter und stellte erfreut fest, dass meine Linie gerade mit quietschenden Bremsen in den Bahnhof einfuhr. Ich beschleunigte meinen Schritt und erreichte die Bahnsteigkante im selben Moment, in dem ein leerer Wagon direkt vor mir zum Stehen kam. Angenehm überrascht stieg ich ein, ließ mich in einen der bunt bezogenen Plastiksitze fallen und kramte in meiner Aktentasche nach der Morgenzeitung. Vielleicht würde ich sogar noch Zeit haben mit meiner Sprechstundenhilfe Elaine die Sitzungen der letzten Tage durchzusprechen, bevor Mr. Parker zu seiner wöchentlichen Beichte erschien. Schon in diesem Moment hätte ich wissen können, dass soviel Glück nicht mit rechten Dingen zuging.
Mit einem Ruck setzte sich die U-Bahn in Bewegung. Einen Moment später verschwanden Station, U-Bahn, Tunnel und Wagon, wie ein verschwommenes Dia in einer wackeligen Projektion.


Und hier was davon übrig bliebe, nach Anwendung von nur 6 der 47 Regeln:

Früh Morgens ging ich zum U-Bahnhof. Die Bahn fuhr ein, gerade als ich am Bahnsteig ankam. Dann war ich in Italien.

Es bleibe jedem Leser selbst überlassen zu entscheiden, welches die gefälligere Version ist.

1 Kommentar:

Lila Weisz hat gesagt…

Hallo!

Schreibratgeber sind auch für mich ein rotes Tuch. Aber aus einem anderen Grund: Google mal die Autoren. Was haben die außer ihrem Ratgeber sonst noch so veröffentlicht? Und wenn sie sich an ihre eigenen Tips halten: Warum sind sie dann nicht regelmäßig auf den Bestsellerlisten. Wenn J. K. Rowling einen Schreibratgeber rausbringen würde, würde ich glauben, was da drin steht. Aber die Menschen, die wirklich solche Ratgeber schreiben, sind nicht so kompetent, wie sie sich selbst hinstellen. Ganz offensichtlich.

Aber da scheinst du ja wirklich eine Perle an Land gezogen zu haben. *lach*

Liebe Grüße,
Lila

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